26. September 2015
Geschrieben von

Vom Objekt zum Subjekt der Politik

Interview mit der UN-Jugenddelegierten Julia Rainer

Julia Rainer wird die österreichische Jugend bei der UN-Generalversammlung in New York vertreten. Die Syntax sprach mit ihr über das Jugenddelegierten-Programm, ihren Zugang zur UNO und das Thema Jugendpartizipation in Österreich.

Julia, du bist UN-Jugenddelegierte für Österreich. Was genau ist ein_e Jugenddelegierte?

Das Jugenddelegiertenprogramm ist ein Programm, das von der Bundesjugendvertretung (BJV) ausgeschrieben wird. Einmal im Jahr wird ein_e Jugenddelegierte ausgewählt und diese Person repräsentiert dann die österreichischen Jugendlichen vor der Generalsversammlung der UN in New York.

Und wie bist du persönlich zu diesem Programm gekommen?

Über meine Studien, ich studiere Jus und Internationale Entwicklung. Vor allem Internationale Entwicklung fördert kritisches Denken und die UN war auch immer ein Thema. Ich habe mich dann auch außeruniversitär bei Projekten engagiert und der erste Moment, bei dem ich dann tatsächlich in einen UN-Prozess involviert war, war 2012. In diesem Jahr war ich bei Rio+20, das ist die größte Nachhaltigkeitskonfernz der UN, das 2012 in Rio de Janeiro stattgefunden hat. Dort war ich Teil der österreichischen Delegation und zuständig für Jugendbelange. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich habe dann mitbekommen, dass es das Programm der BJV gibt und mich auf gut Glück beworben.

Welche Aufgaben hast du als Jugenddelegierte?

Also grundsätzlich gibt es auf der einen Seite den formellen Teil, eben bei der Generalversammlung in New York: Dort halten alle Jugenddelegierten eine Rede vor dem 3. Komitee, das, in dem wir hauptsächlich aktiv sind. Außerdem gibt es auch noch ein Treffen mit dem Generalsekretär Ban-Ki-Moon.

Der dritte Aufgabenbereich ist die Arbeit in den Heimatländern, also in meinem Fall Österreich. Das ist für mich fast der wichtigste Teil der Arbeit, bei dem ich auch versuche, mir die Legitimation zu holen, die österreichischen Jugendlichen zu vertreten.

Zur Arbeit in Österreich gehört auch deine landesweite Tour. Was genau machst du bei dieser?

Da bin ich sehr froh, weil ich ein vielfältiges Programm habe und mich mit unterschiedlichen Gruppen in ganz Österreich treffe. Angefangen habe ich in Wiener Neustadt in einer kooperativen Mittelschule, weitere Stationen sind ein Heim für minderjährige Flüchtlinge in Salzburg, eine Messe in Linz, in Kärnten treffe ich mich mit der muslimischen Jugend und in Tirol mit der Aktion Kritischer Schüler_innen. Bei diesen Treffen versuche ich, Jugendlichen die UN näher zu bringen, rede über meine Arbeit als Jugenddelegierte und sammle Forderungen von jungen Menschen.

Mit dabei hast du auch immer deinen Zukunftskoffer. Was genau ist das?

Der Zukunftskoffer soll etwas Physisches sein, das ich mit nach New York nehmen kann. Seit Beginn meiner Zeit als Jugenddelegierte können Jugendliche hier ihre Wünsche für das Jahr 2030 hineingeben. Damit kann ich die Stimme der Jugend aktiv mitnehmen und der Zukunftskoffer wird auch für meine Arbeit in New York relevant sein und meine Rede inhaltlich beeinflussen. Und am Ende möchte ich ihn dem Gesandten für Jugendfragen übergeben, auch als Zeichen: das möchte die österreichische Jugend.

Du hattest aber auch schon Treffen mit Jugenddelegierten aus anderen Ländern. Die UN hat 193 Mitglieder, haben alle Mitgliedsstaaten auch ein_e Jugenddelegierte_n?

Nein, es gibt leider viel zu wenige, soweit ich das mitbekommen habe, sind es es dieses Jahr 30. Da hängt vieles von den nationalen Ministerien ab, ob diese jemanden mitnehmen wollen oder auch können, da stellt sich leider auch die finanzielle Frage. Der große Kritikpunkt, den es seit Jahren vonseiten aller Jugenddelegierter gibt ist, dass es viel zu wenig Jugenddelegierte aus dem globalen Süden gibt, die meisten kommen immer noch aus dem europäischen Raum.

Aber es wäre so wichtig, wenn es da eine größere Bandbreite gäbe, erstens ganz einfach aus Gerechtigkeitsgründen, aber auch, weil es viel mehr Gewicht hätte, würden sich Jugenddelegierte aus der ganzen Welt für Themen einsetzen, als wenn nur wir Europäer_innen wieder etwas fordern.

Bist du ansonsten zufrieden mit dem Programm der Jugenddelegierten?

Ja, ich finde das Programm voll cool. Trotzdem sollte bei allem, was Jugendpartizipation und Aktivismus betrifft mehr Anerkennung herrschen. Es wird dir viel zu schwierig gemacht, dich zu engagieren, du hast das Gefühl, dass du keine Zeit hast oder es werden dir Steine in den Weg gelegt,

Ich habe zum Beispiel neben dem Doppelstudium immer gearbeitet und mich dann auch nach einem Jahr ehrenamtlich engagiert. Und es hat mir Spaß gemacht, es hat mir Freude gemacht, es hat mich weitergebildet. Aber es hat mich im Unisystem verlangsamt und ich hatte dann auch Probleme mit Gebührenzahlungen. Und ich finde, wenn man schon ehrenamtlich arbeitet und kein Geld dafür bekommt, was manchmal auch verständlich ist, dann sollte das System so aufgebaut sein, dass diese Arbeit zumindest irgendwie wertgeschätzt wird. Es ist schon ein Luxus, überhaupt ehrenamtlich arbeiten zu können.

In der Hinsicht ist enormes Verbesserungspotential gegeben, damit Partizipation auch gelebt werden kann.

Stichwort Partizipation: In einem Blogeintrag schreibst du: Wenn junge Menschen sich nicht für Politik begeistern, ist das dann nicht auch die Pflicht der Politiker_innen, sie dafür zu motivieren?“ Was wäre denn da dein Rat an die Politik?

Also zuallererst wäre mal generell an allen Schulen ein Fach Politische Bildung notwendig. Ein zweiter Punkt wäre, dass die Arbeit von Jugendorganisationen mehr gefördert wird.

Aber vor allem reicht es einfach nicht, wenn einige Politiker_innen mit irgendwelchen Jugendlichen in die Passage feiern gehen und dann glauben, sie können sie dadurch erreichen. Das funktioniert vielleicht bei ein paar wenigen aber es ist auch nicht wirklich glaubhaft. Man kann sich nicht einfach immer dann, wenn bald eine Wahl ansteht, hinsetzen und sagen: jetzt sind uns Jugendthemen wichtig, weil wir Stimmen fangen wollen.

Ich sehe nicht, dass ein großer Dialog herrscht, dass Politiker_innen sich wirklich Zeit nehmen, um zum Beispiel Schulen zu besuchen.

Die Gruppe der 16-19 jährigen weist die niedrigste Wahlbeteiligung aller Altersgruppen auf. Was kann man deiner Meinung dagegen tun?

Naja, man kann jetzt schon ab 16 wählen, aber damit fängt es erst an. Man hat junge Wähler_innen, aber was macht man mit ihnen? Man muss sie auch irgendwie motivieren und ihnen ehrlicheres Interesse entgegen bringen, dass man sie ernst nehmen will.

Das fehlt.

Und gerade bei Themen, die Jugendliche involvieren, wie zum Beispiel der Bildungspolitik, bei denen sie das Objekt der Politik sind, müsste man sie zum Subjekt und zu handelnden Persönlichkeiten machen, die auch mitbestimmen können.

Weil dann hat man wirklich diese Partizipation und die Interaktion, die es in einer Demokratie geben sollte, nämlich dass man auch Teil von Entscheidungen ist. Und sicher wählt man, aber es endet halt nicht wenn man sein Kreuzchen setzt, da sollte es erst anfangen.

 Dein Lieblingsstatement aus dem Zukunftskoffer?

„Wir wünschen uns eine Entschuldigung dafür, dass ihr uns die Welt in einem schlechten Zustand übergeben habt und ein Eingeständnis, dass ihr nicht in der Lage seid, eure Probleme, die ihr verursacht habt, selbst zu lösen. Ihr braucht unsere Hilfe und wir, wir wollen gehört und ernst genommen werden! Eure junge Generation.”

Kontakt

Facebook
Blog von Julia Rainer
julia.rainer@bjv.at 

 

Julia Rainer vertritt Österreichs Jugend in New York Foto: BJV
Julia Rainer vertritt Österreichs Jugend in New York