Am 17. November wurde die Bildungsreform präsentiert. Wir haben die Bildungsreform analysiert und werden in den kommenden Tagen alle Aspekte der Reform beleuchten.
Gestern beschrieb Christina Götschhofer, was das Ziel der Bildungsreform sein hätte sollen und welche Erwartungen daran gestellt wurden und analysierte einen Punkt der Bildungsreform: Den Bildungskompass. Heute stellt sich die Frage, inwiefern die Lösung zur Gesamtschule und den Deutschkursen zufriedenstellend ist.
Schüler_innen der Volksschule, „deren Kenntnisse in der Unterrichtssprache Deutsch nicht ausreichen“, sollen in Zukunft in „Sprachstartkursen für Neuzugänge ohne oder nur mit unzureichenden Deutschkenntnisse/n“ gefördert werden. Damit hat eine Forderung des Integrationsministers Kurz Einzug in die Bildungsreform bekommen.
Was auf dem Papier ganz nett klingt, hat einen entscheidenden Nachteil. Jede_r, der_die schon einmal eine Fremdsprache in der Schule gelernt hat, wird bestätigen können, dass vor allem das Sprechen in der Gruppe mit Gleichgesinnten die bestmögliche Art ist, diese Sprache tatsächlich zu lernen. Was für Jugendliche für Fremdsprachen in der Schule zutrifft, trifft erst recht auf Kleinkinder zu, denen das Lernen von Sprachen noch viel einfacher fällt. Da widerspricht es jeder Logik, alle Kinder in Kurse zu stecken, die sowieso schon geringe Deutschkenntnisse aufweisen. Vielmehr müssen diese Kinder aktiv im Kindergarten und später in die Klassengemeinschaft miteingebunden werden, anstatt abgegrenzt Deutschkurse zu besuchen.
Die Bildungspolitik sollte sich darum bemühen, das umgesetzte 2. verpflichtende Kindergartenjahr dazu zu nutzen, Integration voranzutreibne, anstatt sich für Extrakurse zu begeistern.
Das Arbeitsabkommen der Bildungsreformkommission schafft die Möglichkeit, Gesamtschulmodellregionen einzuführen. Weil die ÖVP jedoch prominent in der Kommission vertreten war und sich als Verteidigerin des differenzierten Schulsystems sieht, wurde eine Obergrenze festgelegt. Nur 15% der Schulen eines Bundeslandes können einer Gesamtschul-Modellregion angehören. Das klingt nach einer klassischen Kompromisslösung und Bundeskanzler Faymann und Vizekanzler Mitterlehner behaupteten, so würde sich nach einiger Zeit zeigen, welches der beiden Systeme – Gesamtschule oder differenziertes Schulsystem – sich als das Bessere herausstellt.
Die Idee hinter der Gesamtschule ist, ein gerechtes Bildungssystem zu schaffen, das Menschen bildet und fördert, anstatt sie zu be- und verurteilen. Die Überzeugung hinter der Gesamtschule ist, dass alle Kinder gleich sind – und zugleich unterschiedlich. Und die Umsetzung einer Gesamtschule verlangt nun einmal auch, dass sie als einzige gemeinsame Schule vorhanden ist.
Wie die Neue Mittelschule wird auch die 15%-Gesamtschule nicht halten können, was sie verspricht. Denn wieder wird es die Möglichkeit geben, das eigene Kind auf ein Gymnasium zu schicken. Dadurch wird in den Modellregionen wieder die soziale Durchmischung fehlen, die essentiell für das Konzept der Förderung aller gemeinsam und individuell ist.
Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek meinte, dass sich bei der 15%-Quote im parlamentarischen Prozess noch etwas ändern könne. Es bleibt zu hoffen, dass tatsächlich noch einmal Bewegung in die Angelegenheit kommt. Bis dahin muss versucht werden, zivilgesellschaftlich möglichst viel Druck auszuüben, damit die Frage der Gesamtschule nicht für die nächsten Jahre auf Eis gelegt wird.
Das war der zweite Teil unserer Reihe zur Bildungsreform. Der morgige 3. Teil wird das Thema Schulautonomie behandeln
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apa/helmut fohringer