Die Berlinerin Sookee, bürgerlich Nora Hanzsch, stellt mit ihrer Art und ihren Texten den deutschen Rap auf den Kopf und findet durch ihn den Weg, ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen. Die Syntax sprach mit ihr über Text, Politik und Bildung.
Syntax: Was hat dich dazu gebracht, Texte zu schreiben und was bedeutet es für dich, dich so ausdrücken zu können?
Sookee: Bei Text insgesamt ist Kommunikation in meinen Augen einfach das spannendste Phänomen, das sich Menschen ermöglichen. Diese entschleunigte Kommunikation, die durch oder über Texte möglich ist, ist etwas das ich wirklich sehr schätze. Ich mag Schriftsprache sehr gerne und so ein Rap Song ist ja anfangs einfach nur Schriftsprache, auch wenn das dann mündlich umgesetzt wird. Vor allem dieses Gefühl durch Schriftsprache Dinge vermitteln zu bekommen, war mir einfach immer sehr wichtig auch dieser Aspekt der entschleunigten Kommunikation durch Schriftsprache hat für mich immer schon eine wichtige Rolle gespielt.
Syntax: Deine Texte und Lieder, gerade auf dem neuen Album, haben meist eine starke politische Aussage. Was hat dich dazu veranlasst, politische Texte zu verfassen, gerade in einem Genre wie dem Rap, in dem sexistische Lieder an der Tagesordnung stehen?
Sookee: Meine Familie hat in der DDR Widerstand gegen den Staat geleistet, das heißt durch meine Eltern hatte ich schon immer einen gewissen Themenbackground, von – wer darf sich in Gesellschaft wie äußern, wie funktioniert Macht, wo gibt es ein Verbot bestimmter Aussagen, wie schließt man sich mit anderen Leuten zusammen, bis zu etwas ist überhaupt dieser Staat in dem Gesellschaft stattfindet. Deswegen gab es für mich schon immer eine Empfänglichkeit für politische Themen, anfangs aber ganz konkret über die eigene Biografie. Ein Grundverständnis für politisches Denken, Berührungspunkte mit antifaschistischen Strömungen, die große Themenvielfalt, die mir durch das Studium der „Gender Studies“ angeboten wurde; all das hat mich dazu bewegt, diese Texte mit genau dem Inhalt zu schreiben, auch oder gerade in diesem Genre.
Syntax: Wenn du nicht gerade Songtexte schreibst, im Tonstudium bist oder Konzerte gibst, beschäftigst du dich mit Jugendlichen; und zwar machst du Workshops für Jugendliche zu den verschiedensten Themen wie Rassismus, Sexismus etc. Wie bist du dazu bekommen, das zu machen. Was hat dich speziell dazu bewegt?
Sookee: Die meisten Lehrpläne sind an gewissen Stellen eine krasse Zeitverschwendung. Außerdem finde ich, dass es einen ganz komischen Begriff von Lernen gibt, den Jugendliche total verinnerlicht haben. Es ist immer mit Anstrengung verbunden, man kann ständig etwas falsch machen und dann bekommt man eine schlechte Zensur, einen blauen Brief und drauf folgt der Ärger zu Hause. Es ist irgendwie immer so ein absurdes Abarbeiten an vielen negativen Aspekten. Dabei ist Lernen ja etwas ganz Bereicherndes und Schönes, um den Blick auf die Welt zu verändern und zu schärfen. Sich mit dem neuen Wissen auszustatten, das eine_ voranbringt. Das heißt, kein Wissen wirft dich zurück, es bringt dich immer voran. Gerade auch in deiner persönlichen Entwicklung und somit auch in Bezug auf soziales Miteinander. Ich finde es einfach fairer, wenn Leute, das Wissen, das sie haben, teilen, ohne Druck auszuüben, ohne richtige oder falsche Antworten zu generieren. Das ist so meine Motivation diese Workshops zu machen. Außerdem ist es auch einfach schön, wenn die Jugendlichen dann am Ende so eines Workshops ein Erfolgserlebnis haben, vollkommen ohne eben diesen Leistungsdruck, den sie von der Schule gewöhnt sind.
Syntax: Das heißt, für dich stellen diese Workshops ganz klar ein Gegenpol zur Schule dar und zu dem, wie Wissen vermittelt wird und auch was?
Sookee: Absolut. Deswegen ist es auch ein Querschnitt von politischer Bildungsarbeit in Workshops und das ist nicht nur in Schulen, sondern auch Jugendzentren notwendig. Zu den Themen: Ich denke mir, dass ist in Deutschland nicht anders als in Österreich, dass gesellschaftspolitische Themenbereiche komplett unterrepräsentiert sind und gerade diese wären für ein gutes gesellschaftliches Wachsen unglaublich wichtig. Natürlich gibt es an verschiedenen Schulen immer wieder Projekte zum Beispiel zum Thema Toleranz. Dennoch ist das viel zu wenig. Die Auseinandersetzung damit müsste durch alle Schuljahre durchgängig sein, um auch kritisches Denken zu fördern, um zu lernen, die Dinge zu hinterfragen. Dabei müsste es ganz viel um Politik gehen, aber auch um den Einfluss der Medien. Diese Bereiche müssen in den Lehrplan rein!
Syntax: Jetzt hast du schon einige Punkte angesprochen, die dich am Bildungssystem stören und dass du dich ja auch selbst dafür einsetzt, dass sich daran etwas ändert. Nun, was würdest du jetzt ganz konkret an Schulsystem verändern?
Sookee: Ich finde alle Aspekte, die aus Konkurrent, Elitenbildung und fehlende Selbstbestimmung abzielen, am Schulsystem ätzend: Noten, Sitzenbleiben, Strafen, Klassenbeste, Notenspiegel, blaue Briefe, Willkür, Repression. Vielmehr, sollte es Teil der Lernkultur sein, dass Kinder früh lernen, für sich herauszufinden, was ihnen Spaß macht, was sie interessiert, worauf sie Lust haben, wie sie Ambitionen in sich wachrufen und eigene Wissensstände einschätzen können. Wenn ich selber weiß, wo ich stehe, brauche ich keine Notenkategorien. Reflexion und konstruktives Feedback müssen selbstverständlich werden. Außerdem sollten Kindern sich gegenseitig unterrichten: Each One Teach One ist eine wunderbare Methode, um nachhaltig zu lernen.
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