Als Kleinkind konnte ich es kaum erwarten, endlich in die Schule zu gehen. Als Maturantin konnte ich es kaum erwarten, endlich mit der Schule fertig zu sein. Warum änderte sich das in den Jahren dazwischen? Warum wurde die Schule bald zu einer schweren Last? Warum begleitete mein Schulleben nicht immer so viel Freude und Motivation, wie am ersten Schultag?
Als ich meinen ersten Schultag hatte, war ich super aufgeregt. Ich freute mich, endlich all’ die Dinge zu lernen, die meine Eltern schon konnten. Ich wollte endlich lesen und ich wollte schreiben. Ich wollte wissen, was es da draußen gibt – außer meinem Kindergarten und meiner Heimatstadt.
Ich war überzeugt, dass ich, wenn ich endlich in der Schule bin, alles lernen könne, was ich wollte.
Ich hatte Freund_innen, die schon länger in der Schule waren. Sie beschwerten sich oft, dass die Schule so langweilig wäre und sie lieber den Wald entdecken würden, als dort zu sein. Das verstand ich nicht. Ich fragte mich: „Wie kann Schule keinen Spaß machen?! Das gibt’s doch gar nicht!“
Ein paar Jahre später verstand ich sie dann besser. Zwar lernte ich lesen, schreiben und wusste bald einiges über Österreich. Aber nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich musste bestimmte Buchstaben in einer bestimmten Woche lernen, selbst wenn ich in dieser Zeit lieber rechnen wollte. Ich musste mich in das System eingliedern. Ich durfte nicht mehr selbst entscheiden, was ich wann und wie lerne, diese Entscheidung traf mein Klassenlehrer.
Je länger ich in der Schule war, desto schlimmer wurde es. Irgendwann war es soweit, dass ich – wenn überhaupt –nur noch kurz vor dem Test oder der Schularbeit lernte. Ich wusste, dass ich mir den Stoff ohnehin nicht merken würde. Wozu auch? Nach dem Test würde ich das Erlernte nie wieder wissen müssen. Hin und wieder ging es mir bei Tests nicht gut und ich konnte mich nur schlecht konzentrieren. Das wurde nicht berücksichtigt. Wenn ich einen schlechten Tag hatte, bekam ich eine schlechte Note. Selbst wenn ich den Stoff konnte.
Das war in der Schule aber egal. Denn wichtig war nur, dass ich genau bei dem einen Test gute Leistungen erbrachte. Wie ich mich in den Unterricht einbrachte war nicht relevant. Der Druck, der in solchen Situationen auf Schüler_innen lastet, ist enorm. Dieser Leistungsdruck ist aber nicht nur bei Tests spürbar, sondern das ganze Schulleben lang. Unter Druck zu lernen kann aber nicht die Lösung sein!
Bildung, wie ich sie mir wünsche, sieht anders aus. Bildung bedeutet für mich entdecken, lesen, erleben, fühlen, schreiben, diskutieren. Also ganz viele Vorgänge, in denen ich aktiv eingebunden bin. Das konnte mir die Schule nie geben.
Nicht nur die Form des Unterrichts ärgerte mich. Ich konnte oft nicht nachvollziehen, warum wir dieses und jenes Thema behandelten. Im Geschichteunterricht fand ich die Antike spannend und setzte mich gerne damit auseinander. Aber das Mittelalter? Musste das wirklich sein? Natürlich war es für manche meiner Klassenkolleg_innen spannend. Aber leider nicht für mich. Ich fand schon immer schade, dass alle das Gleiche lernen müssen und man kaum individuelle Schwerpunkte setzen kann.
Man wird immer nur an die eigenen Schwächen erinnert. Wenn man schlecht in Englisch ist, verbringt man den Großteil der Zeit damit, die englische Grammatik zu lernen, damit man besser wird. Man wird kaum in den eigenen Stärken gefordert und gefördert. Anstatt zu lernen, die eigenen Schwächen zu akzeptieren, werden wir immer und immer wieder daran erinnert, dass wir „nicht gut genug“ (für einen 4er) sind. Dabei vergessen wir leicht auf unsere Stärken, sowie auch kaum mehr Zeit bleibt, sich mit diesen zu beschäftigen.
Wenn man das dann in der Schule anspricht, heißt es, dass man die Themen dann auf der Uni brauchen wird. Aber mittlerweile weiß ich, dass das ein nichtiges Argument ist. Wenn man Kurvendiskussion wirklich im Studium braucht, belegt man gleich im ersten Semester einen Kurs in dem man genau das macht.
Ich war 8 Jahre lang in einem Gymnasium. 8 Jahre, in denen mein Ziel die Matura war, damit ich im Studium endlich lernen konnte, was ich will. Das Ziel meiner Schule? Mir möglichst viel „Allgemeinbildung“ in den Kopf zu stopfen.
Die Festschreibung einiger (notwendigerweise spezieller) Inhalte als »allgemeinbildend« verkehrt den Sinn von Allgemeinbildung. Denn eine inhaltlich kanonisierte »allgemeine Bildung«, die erstrebt wird, um gebildet zu sein und um vor anderen gebildet zu erscheinen, deformiert die Bildung zum Status- symbol, ist ungehemmte Begierde, ist mithin ein Nichts.
(Georg Wilhelm Friedrich Hegel)
Ich verstand nie, warum ausgerechnet Mathematik, Geographie und die englische Grammatik Allgemeinbildung sind. Für mich bedeutet Allgemeinbildung, dass ich einen Überblick habe – da stimme ich noch in groben Zügen mit der Schule überein – aber auch, dass ich ganz viele andere Sachen kann und weiß. Hätte ich in der Schule gelernt, wie ich einen Streit lösen kann, hätte mir die Schule mehr geholfen, als mit dem Auswendiglernen des Periodensystems in Chemie.
Eine weitere Frage, die ich mir dazu stelle: „Wer entscheidet überhaupt, was Allgemeinbildung ist und was nicht?“ Wer entscheidet, dass nicht auch die richtige Pflege von Gartenpflanzen oder eine nachhaltige Mülltrennung ist? Warum lernt man diese Dinge nicht in der Schule?
Irgendwann begann ich, die Lehrpläne meiner Unterrichtsfächer zu lesen. Dabei fand ich heraus, dass es gesetzlich möglich ist, dass wir Schüler_innen mitbestimmen. Zumindest in der Theorie, die Praxis sieht leider anders aus. Wenn man Lehrer_innen darauf anspricht, hat man nur selten die Möglichkeit wirklich mitzubestimmen.
Warum haben Menschen, mit denen ich nicht viel außer ein paar Wochenstunden teile, so viel Macht darüber zu entscheiden was ich lernen soll? Warum wird das fremdbestimmt von Menschen die mich kaum kennen? Warum kann ich nicht selbst entscheiden, was ich lerne?
Ich habe das dann einfach so hingenommen. Denn was sollte ich alleine schon gegen meine_n Lehrer_in machen? Die sitzen sowieso immer am längeren Ast. Damals fehlte mit leider das Bewusstsein, dass ich die Möglichkeit habe, Schule zu verändern. Damals erkannte ich noch nicht das Potenzial, das Schüler_innen haben. Es braucht nur ein paar Schüler_innen, die sich gemeinsam dazu entscheiden, etwas zu verändern. Damals war mir leider nicht klar, dass man für Forderungen kämpfen muss, dass man viel Zeit und Energie in die Forderungen stecken muss. Ich dachte, dass ich „verloren“ hätte, wenn ein Vorschlag nicht angenommen oder eine Frage verneint wird. Heute weiß ich, wie wichtig es ist, dass man sich in Schüler_innengruppen organisiert und für Verbesserungen in der eigenen Schule kämpft.
Ich begann mich mit Themen, die mich interessieren, außerhalb der Schule zu beschäftigen. Irgendwann gab es einen Punkt im Deutschunterricht, an dem ich immer sagte, dass das Buch, das als nächstes gelesen wird, nicht für mich mitbestellt werden müsse. Ich hatte alle bereits im Vorhinein gelesen. Denn ich wusste, wenn wir sie gemeinsam im Unterricht lesen würden, hätte ich kein Interesse mehr daran. Ich hatte keine Lust, Geschichten zu exzerpieren und Textanalysen zu schreiben. Ich wollte einfach nur die Bücher lesen.
Bildung ist mehr, als das, was zurzeit in der Schule gelehrt wird. Lernen, muss wieder ein positiv besetzter Begriff werden. Schüler_innen müssen endlich mitentscheiden können, welche Themen sie im Unterricht bearbeiten. Und auch, wie diese erlernt werden. Manche Schüler_innen lernen viel durch zuhören, ja. Aber was ist mit all’ jenen, die durch selber lesen lernen? Oder durch schreiben? Oder durch Exkursionen? Durch Entdeckungsreisen im Wald? Was ist mit ihnen?
Die Schule muss endlich zu einem Ort werden, in dem man gerne lernt. In dem man gerne den Großteil der Kindheit und Jugend verbringt. Die Schule muss endlich auf die Wünsche und Bedürfnisse der Schüler_innen eingehen. Schule muss damit beginnen, den Spaß am Lernen zu fördern anstatt ihn Schüler_innen zu nehmen. Immerhin gibt es nichts Cooleres, als neue Dinge zu entdecken, Wissen zu erlernen und Erlerntes auch anwenden zu können.
Das muss Schule sein. Schule muss Spaß machen. Schule muss alle Schüler_innen fördern und fordern. Schule darf nicht auf Schwächen reduzieren, Schule muss Stärken hervorheben. Schule muss so sein, dass die Schüler_innen traurig sind, wenn die Ferien beginnen.
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AKS