Street Harassement ist ein Sammelbegriff für nonverbale und verbale Übergriffe auf Frauen* in der Öffentlichkeit. Welche Formen kann das annehmen und welche Strukturen stehen dahinter?
Als ich noch in meiner alten Wohnung wohnte war direkt neben dem Haus eine viel befahrene Straße. Das war kein großes Problem – untertags war ich viel unterwegs und hörte den Lärm nicht und in der Nacht fuhren nicht so viele Autos. Nur wenn ich in der Nacht nach Hause ging, kam es immer wieder zu unangenehmen Situationen.
Meistens war auf der Straße nur ein Auto in weiter Ferne zu sehen und Menschen so gut wie nie. Fuhren die Autos dann bei mir vorbei, wurde gehupt. Ohne ersichtlichen Grund – es war kein Auto dahinter oder davor, auf eine Gefahr konnte man auch nicht erkennen. Es wurde wegen mir gehupt. Ich war verwirrt.
Ein anderes Mal wartete ich gerade auf den Bus. Ein junger Mann kam zu mir und wollte sich mein Feuerzeug leihen, um seine Zigarette anzünden zu können. Danach verwickelte er mich in ein Gespräch. Ich wollte nicht mit ihm reden, hab es aber nicht gesagt. Ich wollte nett sein. Mir wurde immer gesagt, dass ich zu allen nett sein soll und von einem Gespräch nicht einfach weggehen kann. Irgendwann hat er mich nach meiner Telefonnummer gefragt und ich hab ihm eine Falsche gegeben. Er hat in dem gleichen Moment angerufen und herausgefunden, dass mein Handy nicht läutet. Daraufhin meinte er, ich sei gemein und dass ich es hätte sagen können, wenn ich ihm meine Telefonnummer nicht geben wollte. Ziemlich genau in dem Moment kam mein Bus und ich stieg ein. Er folgte mir in den Bus bis zu der Haltestelle, wo ich ausstieg.
Neben meiner alten Wohnung war eine Tankstelle, die rund um die Uhr offen hatte. Zu Beginn fand ich das sehr cool, denn das bedeutete, dass ich spätabends oder an Sonntagen Essen kaufen konnte. Bei dieser Tankstelle war immer eine Runde alter Männer, die davor standen und Bier tranken. Immer wenn ich vorbeiging spürte ich Blick auf mir. Nicht die Art der Blicke, die kurz da sind und dann wieder weg, sondern die, die lange dauern. Die, die unangenehm sind. Manchmal wurde auch gepfiffen. Nach ein paar Monaten war die Unlust bei diesen Männern vorbeizugehen größer, als mein Hunger.
Diese Situationen lassen sich unter dem Begriff Street Harassment zusammenfassen. Dazu gehören Dinge wie nachpfeifen, anhupen, angaffen, sexualisierte Kommentare und Gesten, angrabschen, sich in öffentlichen Verkehrsmitteln gegen eine Frau* pressen, ihr folgen oder sie ohne ihre eindeutige Zustimmung ansprechen und in Gespräch verwickeln, die eigenen Genitalien zeigen, anfassen oder masturbieren, an einer gut einsehbare Stelle urinieren bis hin zu sexuellen Übergriffen.
Bei den angeführten Punkten handelt es sich um Gewalt. Denn eine Person/Gruppe dominiert ihre Macht gegenüber einer anderen Person/Gruppe. Die Macht wird dazu verwendet um die andere Person/Gruppe in Unsicherheit zu bringen, um sie zu verwirren.
Das führt zu einem Gefühl der Unsicherheit und der ständigen Vorsicht.
Wenn ich dieses Thema angesprochen habe, hat es bis jetzt nur zwei Formen der Reaktion gegeben: entweder „Das ist so schlimm. Mir ist letztens etwas Ähnliches passiert.“ oder „Reagierst du nicht ein bisschen über? Die wollten sicher nur nett sein.“
Die erste Reaktion kam von Frauen*, die Zweite von Männern* – immer. Damit will ich nichts verallgemeinern oder allen Männern* vorwerfen sie wären genau so. Ich will nur meine Erfahrungen schildern – genau so, wie meine persönliche Erklärung dazu:
Wenn man als Frau* aufwächst gibt es bestimmte Dinge, die man lernt – man soll sich schön anziehen, immer nett sein, nicht zu laut sein und man soll sich vor dunklen Gassen in Acht nehmen, denn da könnte etwas passieren. Man soll Selbstverteidigungskurse machen und Selbstbewusst in der Öffentlichkeit herumlaufen, denn das macht die Wahrscheinlichkeit geringer, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden.
Wenn man als Mann* aufwächst, bekommt man andere Werte vermittelt – man soll laut sein, soll herumtoben und die eigene Meinung sagen.
Ich will nicht sagen, dass das bewusst vom Umfeld von Kindern gemacht wird. Ganz im Gegenteil, das sind Verhaltensweisen, die unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben werden.
In der Gesellschaft wird das Problem des Street Harassment noch immer so geregelt, dass man Frauen* nahelegt, Selbstverteidigungskurse zu besuchen und sich Pfefferspray zu kaufen. Man sieht die Schuld bei der Betroffenen, nicht beim Täter. Denn Männern* wird nicht erklärt, dass sie nicht einfach Frauen* auf der Straße nachpfeifen, anhupen oder sexualisierte Kommentare machen dürfen.
Das heißt nicht automatisch, dass man keine Menschen mehr auf der Straße ansprechen darf – das bedeutet nur, dass man auf das Gegenüber eingehen soll. Wenn man, egal ob durch verbale oder nonverbale Signale, merkt, dass kein Interesse an dem Gespräch besteht, dann muss man aufhören.
Durch diese Form der Gewalt gegenüber Frauen* lassen sich die patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft gut aufzeigen. Zum einen zeigen Statistiken, dass drei Viertel aller Frauen* sexuelle Belästigung erfahren, wobei die Hälfte aller befragten Frauen* angibt, dass dies an öffentlichen Plätzen passiert. Zum anderen ist es das Gefühl, mit dem man in der Dunkelheit nach Hause geht. Es ist nicht unbedingt Angst, sondern eher Vorsicht und Unsicherheit.
Gefühle wie Vorsicht und Unsicherheit sind negative Gefühle und sobald eine größere Menschengruppe die selben negativen Gefühle in gleichen Situationen verspürt, muss etwas dagegen gemacht werden! Solange Frauen* bei dem Versuch sexualisierte Gewalt zur Anzeige zu bringen belächelt werden und die Erziehung sich nicht ändert, wird es keine Verbesserung geben. Und solange Frauen* Gefühle wie Unsicherheit und Vorsicht beim nach Hause gehen haben, leben wir in einer patriarchalen Welt.
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