23. Februar 2016
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Wa(h)re Bildung?

Themenwoche Bildungswünsche

„Bildungsökonomisierung“ – dieser Begriff geistert seit Jahren – mal mehr, mal weniger – durch die Medien, v.a. in Bezug auf universitäre Bildung. Doch was heißt das eigentlich und welche Auswirkungen hat die Wirtschaft überhaupt auf unsere Bildung und somit auf uns alle, als Schüler_innen?

Ökono-was?

Der Begriff der Ökonomisierung meint die Ausbreitung des Marktes (bzw. seiner Ordnungsprinzipien und Prioritäten) auf Bereiche, in denen wirtschaftliche Überlegungen eigentlich nicht im Fokus stehen (sollten). Immer mehr Güter und Praktiken werden in „Produkte“ umgewandelt, die einen bestimmten Preis haben und auf dem Markt eine Rolle spielen.

Umgelegt auf unser Schulsystem bedeutet das also folgendes: Bildung wird zu einer Ware, die wir (in der Schule) erwerben müssen, damit wir uns sodann mit unserem Kapital in Form von Abschlusszeugnissen, Zusatzzertifikaten und einem strahlenden Lächeln auf dem Arbeitsmarkt behaupten können. Das Ziel ist, einen möglichst gut qualifizierten Job zu finden, den man sicher ein paar Jahrzehnte ausüben wird und der genug Geld abwirft, um die Familie zu ernähren und ab und zu mal auf Urlaub fahren zu können. Das Leistungsprinzip, das uns die neoliberale Wirtschaft beigebracht hat, ist dabei essentiell – nur wer sich anstrengt und etwas „leistet“, soll auch etwas dafür bekommen. In Kinder wird investiert: jeder Geigenunterricht, jede Nachhilfestunde ist eine Investition und muss sich lohnen.

Wenn es nichts kostet, ist es nichts wert

Dieser Aspekt der Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt lässt sich sogar schon bei der Entstehung der Schulpflicht finden, für die Maria Theresia noch heute abgefeiert wird. Natürlich ist es ein riesiger Fortschritt, eine Bildungspflicht für alle Kinder zu erlassen. Die Beweggründe Maria Theresias waren allerdings nicht nur gemeinnützig – bereits damals galt es als Ziel, den Kindern Unterwerfung gegenüber Gott und der Familie Habsburg beizubringen. Die Buben aus reichem Haus durften außerdem höhere Schulen besuchen, in denen sie eine Beamtenausbildung bekamen, um so den monströsen Verwaltungsapparat der damaligen Zeit am Leben zu erhalten.

Auch damals hatte Bildung also schon einen sehr starken „Ausbildungs“-Beigeschmack. Der Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung ist nun, dass es sich bei Bildung um alles handelt, was man im Lauf des Lebens lernt, egal ob in der Schule, von den Eltern oder durch eigene Erfahrungen. Bei Ausbildung handelt es sich um eine zielgerichtete, zweckgebundene Art von Bildung – also um einen bestimmten Titel zu erhalten oder bestimmte Qualifikationen zu erlangen, um am Arbeitsmarkt bestehen zu können.
Bildung wird vermehrt zu Ausbildung (Stichwort: „Wozu brauch‘ ich das später mal?“) und somit zu Ware, die wir – gemeinsam mit unserer Arbeitskraft – verkaufen. Dadurch ändern sich auch die Unterrichtsinhalte; es geht vermehrt um ökonomisch notwendiges Wissen und wirtschaftsorientierte Kenntnisse und Fähigkeiten.

Das alles passiert natürlich nicht einfach so, es gibt unzählige Abkommen, Verträge, etc. die diese stete Ökonomisierung der Bildung festschreiben. Hervorzuheben sei hier einerseits das GATS (General Agreement on Trade in Services), ein internationales Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO), das Bildung ganz klar als Ware definiert, die erworben wird. Andererseits hat auch der Bologna-Prozess – dessen Aufgabe es ist, Universitäten europaweit vergleichbar zu machen (Bachelor, Master, ECTS-Punkte, etc.) – Unis zu Schauplätzen des Wettkampfs, der Knock-Out-Prüfungen und der Studiengebühren gemacht.

Fahrschulen, Coca-Cola, Raiffeisen,…

Ein anderer Aspekt der „Verwirtschaftlichung“ von Schulen ist der, dass jede Schule vom Finanzministerium durchschnittlich nur 75% des Budgets bekommt, das sie brauchen würde, um das Gebäude zu betreiben, Lehrkräfte zu bezahlen, Klopapier zu kaufen.

Daraus ergeben sich zwei weitere Problemfelder. Auf der einen Seite sind zunehmend Schulen auf Sponsoring angewiesen, um die laufenden Kosten zu decken. In nahezu jeder Schule findet sich Werbung, seien es Plakate von Fahrschulen, Spiegel beklebt mit Gesichtspflege-Werbung oder Teppiche mit monströsen Raiffeisenbank-Logos darauf. Und natürlich hat das in weiterer Folge auch Einfluss auf die Unterrichtsinhalte! Die Marken werden als Vorzeigebeispiele in verschiedensten Bereichen hergenommen, dürfen auch persönlich Werbung machen oder verhindern wie die Raiffeisenbank durch ihre Nähe zur ÖVP Fortschritte in der lokalen Bildungspolitik (Projekte, Vorträge, etc.).

Auf der anderen Seite sinkt der Ruf von öffentlichen Schulen, die unterfinanziert sind, was zur Folge hat, dass immer mehr Eltern ihre Kinder in Privatschulen geben, da sie dort eine „bessere“ Bildung bekämen. Viele Privatschulen bieten Zusatzqualifikationen an bzw. haben eine gutes Prestige, was den Absolvent_innen wiederum bei der Jobsuche behilflich ist. Das können sich wiederum natürlich viele Leute nicht leisten – das Geld der Eltern bestimmt einmal mehr, welche Bildung ihre Kinder bekommen können.

Werbung am Schulklo

Werbung im WC in der Schule

Her mit der Bildungsmilliarde!

Wirtschaft und Bildung sind zwei verschiedene Paar Schuhe und sollen das auch bleiben. Vielen der oben genannten Punkte kann mit einem gut ausfinanzierten Bildungssystem entgegentreten. Wenn das Bildungsministerium und die Schulen selbst so viel Geld zur Verfügung haben, wie sie brauchen (oder vielleicht sogar ein bisschen mehr), sind sie nicht mehr auf Sponsoring angewiesen, können selbstständig Projekte durchführen, das Schulgebäude umgestalten, usw. Nichtsdestotrotz braucht es endlich starke, laute, durchsetzungsfähige Stimmen gegen den Einzug der Wirtschaft und des Marktes in unsere Schulen und Universitäten. Es braucht Aufklärung in den Schulen, sodass Schüler_innen die Werbung an ihren Schulen und die Unterrichtsinhalte kritisch hinterfragen und analysieren können. Und es braucht endlich die Bildungsmilliarde, um Bildung (auch finanziell) endlich wieder die Bedeutung beizumessen, die sie haben sollte, denn: „Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung.“ (J.F.K.)

APA/HELMUT FOHRINGER Foto: APA/HELMUT FOHRINGER