1. November 2015
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„I love HipHop, but at times I feel that HipHop doesn’t love me back“

#Archivsonntag: Ausgabe 1 / 2011

Mit diesem Zitat beschreibt Tamika Guishard, Regisseurin von „Hip Hop gurlz“, das oft ambivalente Verhältnis von weiblichen* HipHop Fans zu ihrer Szene. Als Bastion heteronormativen Machotums macht es HipHop auch vielen Menschen nicht gerade leicht, Zugang zu finden. Wenn man allerdings auf die Wurzeln dieser Bewegung blickt, fängt das negative Image zum Bröckeln an.

HipHop entstand in den 1970er Ghettos New Yorks und bot vielen schwarzen Jugendlichen, die dort lebten, erstmals eine Ausdrucksform und Identität, die sie sich selber geschaffen hatten. Im Zuge von hoher Arbeitslosigkeit und Armut machten sich Chancen – und Hoffnungslosigkeit breit, und von diesen Dingen waren nicht zufällig meist die Bevölkerungsschichten betroffen, die einer ethnischen oder sozialen Minderheit angehörten. Die Kids aus der Bronx konnten es sich schlichtweg einfach nicht leisten, die teuren Clubs mit hohem Eintrittsgeld zu besuchen, also organisierten sie sich ihre Partys einfach selbst. So entstanden Block-Partys in alten, leeren Fabrikshallen und die vier Säulen des HipHop (Rap, Djing, Breakdancing, Graffiti) entwickelten sich und boten vielen Menschen die Möglichkeit, zu partizipieren.
HipHop stellte also eine Möglichkeit dar, einerseits der eigenen Perspektivenlosigkeit Ausdruck zu verleihen, aber andererseits auch als gemeinsame Bewegung gegen die verschiedenen Mechanismen der Unterdrückung auftreten zu können. HipHop war nicht nur (aber auch) Unterhaltungsmusik, sondern teilweise durchaus als politisches Statement zu verstehen. Viele dieser Tatsachen haben sich bis heute nicht geändert.

Perspektivenwechsel

Wer sich nun denkt, das hat mit dem HipHop heute nicht mehr viel zu tun, irrt und hat Recht gleichzeitig. Als die Musikindustrie auf die neue Jugendbewegung aufmerksam wurde, begann sie, Künstler_innen unter Vertrag zu nehmen und sie infolge dessen auch zu vermarkten. Mittlerweile zählt HipHop zur einflussreichsten Musikrichtung weltweit nach Country, und hat getreu des Mottos „Sex and violence sell“ auch zu funktionieren. In den vielen Musikvideos von HipHop Artists die wir tagtäglich im TV sehen können, sehen wir Frauen* im besten Fall als Schmuckstück des Mannes, im schlechtesten Fall als entpersonalisiertes Besitztum. HipHop ist einerseits als Abbild der gesellschaftlichen Realitäten zu sehen, allerdings macht man es sich zu leicht, es bei dieser Analyse zu belassen.

Ladies First

Bereits in den 80ern konnten Frauen als Künstlerinnen* wie Queen Latifah, Roxanne Shanté oder MC Lyte auf sich aufmerksam machen. Mit Zeilen wie „Some think that we can‘t flow/ Stereotypes they got to go/ I‘m a mess around and slip into reverse/ with a little touch of ladies first“ inspirierte Queen Latifah mit dem 1989 erschienenen „Ladies first“ unzählige junge Frauen* und ermutigte sie, selbst das Mikro oder ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Frauen* wie sie wurden zu Identifikationsfiguren für zahlreiche Jugendliche. Die männlichen MCs sprachen zwar oft von der harten Lebensrealität im Ghetto und der rassistischen Unterdrückung, die Frauen hatten jedoch noch viele Geschichten zusätzlich zu erzählen; von der doppelten Unterdrückung als schwarze Frau und oft auch von der Wichtigkeit von gegenseitiger Unterstützung unter Frauen, um gegen die Ungerechtigkeiten anzukämpfen.

Die anschließenden 90er Jahre stellten sich als wegweisend für Frauen im HipHop heraus. An die Erfolge von Lauryn Hill, Missy Elliott oder Eve kann bis heute kaum eine anknüpfen. In einem Interview mit BET verspricht Missy Elliott im Namen aller female MCs: „We‘re not dinosaurs, I keep telling y‘all! We are not going anywhere.“

Musik für Unterdrückte

Die extrem stark ausgeprägten patriachalen Strukturen des HipHop Business finden Ausdruck in der sehr geringen Anzahl der weiblichen MCs mit Plattenvertrag, bei den Grammys gibt es die Kategorie „Best female rap perfomance“ nicht einmal mehr. Viele weibliche MCs geraten selbst in den Zwiespalt ihres Rollenbildes, und lassen sich von ihrem Management als Sexsymbol verkaufen. Lil‘ Kim, Foxy Brown oder aktuell Nicki Minaj gelten als Künstlerinnen, die dem sexualisierten Klischee des weiblichen* MCs entsprechen. „You don‘t wanna be a female version of a man“, stellt Roxanne Shanté klar, und spricht damit das oft notwendige Übel an, als female MC einen sogenannten „door opener“ – also einen Mann*, der dich in das Geschäft einführt und fördert, zu benötigen.

Gerade HipHop sollte seiner anfänglichen Aufgabe und Wurzeln entsprechend Minderheiten und Unterdrückten den Raum verschaffen, sich artikulieren zu können. Insofern steht der Status Quo konträr zu dem, was HipHop eigentlich sein sollte: Sprachrohr für diejenigen, die sonst niemand hören will. Höchste Zeit also, den Status Quo zu Geschichte zu machen!

Syntax Foto: Syntax