11. Oktober 2015
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„Unten“ befinden sich mehrheitlich Frauen!

#Archivsonntag: Ausgabe 9 / 2002

Johanna Dohnal gilt als erste heimische Feministin, die zu einer politischen Führungsfigur wurde. Sie avancierte zur Gallionsfigur frauen*politischer Errungenschaften in Österreich. Die erste Frauen*ministerin der Republik sprach mit Syntax über die Rolle der Medien, den Irak-Krieg sowie Auswirkungen der neoliberalen Politik auf Frauen*.

Syntax: Wieso ist den Frauen gerade im Alltag die Ungleichberechtigung nicht wirklich bewusst? Warum wirkte die Frauenbewegung vor 25 Jahren so viel größer und konsequenter, als sie es heute zu sein scheint?

Dohnal: Jede Generation muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Aber natürlich liegt es auch an der systematischen Vereinzelung von Frauen. In jedem Jahrhundert gab es eine einzige berühmte Frau, die einiges erreicht hat, aber die Masse der Frauen blieb ungenannt. Natürlich hat sich einiges verändert: Frauen können studieren, sich fortbilden und die Frauenforschung trägt viel zur Geschichtsschreibung aus Frauensicht bei. Insofern hat sich der Anschluss der Generationen an feministisches Gedankengut über die Jahrhunderte verbessert. Das mangelnde Bewusstsein liegt jedoch auch daran, dass für junge Mädchen heute einiges einfach selbstverständlich ist. Wieso sollte es als reflektiert werden? In meiner Jugend habe ich auch nicht darüber reflektiert , warum ich heiraten und zwei Kinder haben will.

Syntax: Welche Rolle teilen Sie den Medien bezüglich der Selbstwahrnehmung von Frauen zu?

Dohnal: Die Medien spielen eine immense Rolle. Wichtig ist vor allem, wer in den entscheidenden Machtpositionen der verschiedensten Medien sitzt. Hinter den Medien stecken wirtschaftliche Interessen. Aktuellstes Beispiel ist der Irak-Krieg. Ähnliche Mechanismen spielen aber auch in so genannten weniger wichtigen Fragen eine zentrale Rolle.

Syntax: Im Zuge der Vorbereitung für den Irak-Krieg der USA wurden den amerikanischen Soldaten gratis Pornohefte zur Verfügung gestellt. Erlebt die Darstellung der Frau als Sexobjekt zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder einen neuen Höhepunkt?

Dohnal: Diese Problematik wurde vor allem in Europa immer wieder thematisiert. Aber auch mir erscheint es so, als ob der Sexismus wieder stark im Vormarsch ist. Dies ist unter anderem in der Werbung feststellbar, aber es gibt dahingehend keine Gegenmaßnahmen. Ich habe damals den Sexismus-Beirat gegründet und gleichzeitig gab es die Aktionen der autonomen Frauenbewegung. Auch in der Bevölkerung ist der allgemeine Widerstand schwächer geworden im Vergleich zu den letzten zwanzig Jahren.

Ich kann mit dem Begriff Neoliberalismus nichts anfangen, denn es ist Kapitalismus.

Syntax: Im Gegensatz zur Anti-Terrorpolitik, wo der Staat mehr Kompetenzen bekommt und staatliche Mittel investiert, wird der öffentliche Bereich mehr und mehr zurückgedrängt. Welche Auswirkungen hat diese neoliberale Politik speziell auf Frauen?

Dohnal: Ich kann mit dem Begriff Neoliberalismus nichts anfangen, denn es ist Kapitalismus. Und mit diesen Wortverschleierungen fängt es ja schon an – es ist kein Zufall, dass Dinge nicht beim Namen genannt werden. Ich möchte die negativen Auswirkungen dieser Politik gar nicht auf die Frauen reduzieren. Die Tendenz führt dazu, dass einige wenige gut leben können, während die große Masse auf das Existenzminimum beschränkt wird. Das ist nur sekundär eine Frauenfrage. Das ist eine Oben-Unten-Frage. Aber „unten“ befinden sich mehrheitlich wiederum Frauen aufgrund der Tatsache, dass sie nicht nur für ihr eigenes Leben sorgen, sondern auch für das Leben der anderen. Alle, die Verantwortung für Kinder oder ihre Partner_innen tragen, fallen in die unterste Skala.

Das ist nur sekundär eine Frauenfrage. Das ist eine Oben-Unten-Frage. Aber „unten“ befinden sich mehrheitlich wiederum Frauen

Syntax: Von welchem Frauenbild sprechen sie in diesem Zusammenhang?

Dohnal: Die Frauen sind die Verschubmasse am Arbeitsmarkt, was ich auch bei der Frage der Teilzeitarbeit sehe. Das Frauenbild des Kapitalismus lebt davon, dass Menschen abrufbar und verschiebbar sind. Der Grundkonsens, dass die Versorgung der Menschen bei Krankheit, Armut oder Alter eine Aufgabe des Staates ist, war früher existent. In dem Moment, wo dieser Grundkonsens in Frage gestellt wird, treibt man den Menschen in die Armut.

Syntax: Können Frauen optimistisch in die Zukunft blicken?

Dohnal: Nein, überhaupt nicht. Ich muss davon ausgehen, dass wir jetzt vier Jahre eine Regierung haben werden, die den Frauen nichts gutes verheißt. Außerdem: Kriege haben immer Frauen am stärksten betroffen. Gerade wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen in Flüchtlingslagern untergebracht werden, ist klar, auf wessen Rücken Kriege im endeffekt ausgetragen werden: Auf dem der Frauen.

Syntax: Haben Sie Hoffnung in unsere Generation?

Dohnal: Selbstverständlich, das wäre wirklich schlimm, wenn ich sie nicht hätte. Ich kann nur etwas durch den Dialog weitergeben,, wenn man/frau sich darauf einlässt. Frauen, die sich zur Wehr gesetzt haben, waren nie die Mehrheit. Frauen, die im Geschehen sind, müssen zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen.

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