15. September 2015
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Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?

Was ist Homophobie in Zeiten von Ampelpärchen und Conchita Wurst?

„Ich habe viele Jahre gelitten, weil ich Angst hatte, mich zu outen. Mein Geist hat gelitten, meine psychische Gesundheit und meine Beziehungen. Ich bin heute hier, weil ich lesbisch bin.“ Mit diesen Worten outete sich Ellen Page während einer Rede für die Human Rights Campaign. Dafür erntete die Schauspielerin tosenden Beifall vom Publikum. Auch ihre Fans und andere bekannte Persönlichkeiten unterstützten sie über diverse soziale Medien.

Und genau wie bei Ellen Page feiert die Presse Coming Outs bekannter Personen als mutige Handlungen und bedeutende Momente. Durch die Sensibilisierung seitens der Medien stoßen homosexuelle Menschen in vielen Teilen der Gesellschaft auf immer mehr Unterstützung. Das Thema wird daher häufiger aufgegriffen und behandelt.

Heutzutage wird Homosexualität fast überall auf der Welt bedingungslos toleriert. Könnte man meinen.

Die harte Realität

Aber während die Öffentlichkeit Ellen Page am Valentinstag wegen ihres Coming Outs als Heldin feiert, werden in Indien Homosexuelle „kollektiv vergewaltigt“, um von ihrer falschen sexuellen Orientierung geheilt zu werden. Gleichzeitig zur Legalisierung der Homo-Ehe in den USA, dürfen gleichgeschlechtliche Paare in Österreich nicht am Standesamt verpartnert werden. Während in über 130 Ländern der internationale Tag gegen Homophobie mit Paraden und Konzerten von Millionen Menschen gefeiert wird, spricht man in den USA zur gleichen Zeit von einer Suizid-Welle von Jugendlichen, die aufgrund von homophoben Mobbingattacken Selbstmord begehen.

Da soziale Medien und die Presse ein sehr gutes und fortschrittliches Bild über die Situation in den westlichen Ländern zeigen, entsteht in den Köpfen vieler Menschen das Bild des „toleranten Westen“. Diese Einbildung sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gesellschaft oft noch in alten Vorurteilen gefangen ist.

Hoffnungsschimmer

Küssen im Prückel

Trotz allem gibt es immer wieder Ereignisse, die Mut machen. Als beispielsweise in Wien im Café Prückel zwei Frauen aus dem Kaffeehaus geworfen wurden, weil sie sich küssten, versammelten sich rund 2.000 Menschen vor dem Gebäude um zu protestieren. Die Protestkundgebung „Küssen im Prückel“ und viele andere engagierte Beispiele stärken uns in unserem Kampf gegen Homophobie für eine Welt ohne Diskriminierung. Eine Welt ohne Verfolgung und Verachtung, in der nicht zwischen Homo und Hetero oder irgendeiner anderen Sexualität differenziert wird. Sie stärken uns im Kampf für eine Ehe, die für alle frei wählbar ist; eine Ehe, die in der Öffentlichkeit sowie im Privatleben ohne Einschränkungen akzeptiert wird. Wir wollen diese Rechte für Homo-, Bi- und Transsexuelle Personen.

Besonders Jugendliche, die sich ihrer eigenen sexuellen Orientierung nicht sicher sind, werden von der Gesellschaft enorm unter Druck gesetzt. Die Selbstmordrate bei homosexuellen Mädchen* und Jungen* ist laut diversen Studien zwei bis fünf mal so hoch wie die heterosexueller Teenager.

Eine liebende Welt

Niemand heißt Ausgrenzung Willkommen. In einer Gesellschaft, in der Homosexualität von allen bzw. von den meisten vollkommen toleriert wird, in der die gleichgeschlechtliche Ehe sich nicht von einer „Hetero-Ehe“ unterscheidet und in der allgemein offen über das Thema Sexualität gesprochen wird, würden sich dennoch viel mehr Menschen Willkommen fühlen.

Was fehlt bis dorthin und was kann ich machen?

Ausgrenzung passiert an den banalsten Orten. In Schulen, bei der Arbeit, auch im eigenen Freundeskreis. Eine Berliner Studie besagt, dass 62% der Grundschüler_innen das Wort „schwul“ oder „Schwuchtel“ und 40% das Wort „Lesbe“ als Schimpfwort verwenden. Dies zeigt, dass Kinder schon ab der Grundschule negativ mit dem Thema Homosexualität in Berührung kommen. Dabei sollte man eine Person, die diese Wörter in einem negativen Zusammenhang verwendet, auf die eigentliche Bedeutung des Wortes aufmerksam machen, anstatt still zuzusehen, wie viele Menschen Andere diskriminieren, ohne es zu merken. Diese „Kleinigkeiten“ gilt es hartnäckig zu bekämpfen. Oft werden Kinder aufgrund solcher Aussagen von ihren Gefühlen in die Irre geleitet und empfinden ihre Verwirrung als falsch oder sogar krank. Dabei sollte Homosexualität nichts anderes als Normalität sein, genau wie die queere Rapperin Sookee in ihrem Track „Pro Homo“ gegen Homophobie äußerte: „Wie kann man nur hassen, dass Menschen sich lieben?“

Fight for your rights Foto: dpa
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