18. September 2015
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Warum ich Feministin bin?

Genderwahnsinn, Feminazis, Kampfemanzen – wenn man sich selbst als Feministin bezeichnet oder – Gott bewahre – gendert (also versucht geschlechtergerecht zu formulieren), wird man sehr, sehr oft lächerlich gemacht oder beschimpft. Warum ich es dennoch wichtig finde, feministisch zu handeln und weiter für Gleichberechtigung zu kämpfen, habe ich hier geschrieben.

Ich war immer schon laut. Als Kind, als Jugendliche, als Schwester, als Tochter. Ich wollte meine Meinung sagen und die Dinge tun, auf die ich Lust hatte – ich war selbstbewusst und dickköpfig. Ich hab die Kleidung angezogen, die ich wollte, auch wenn ich mir dann anhören konnte, dass ich darin fett aussehe oder dieses oder jenes zu kurz oder zu eng ist. Ich wollte einfach meine eigenen Entscheidungen treffen – auch wenn ich bald gemerkt habe, dass das nicht in allen Bereichen meines Lebens möglich sein wird.

„Für Mädchen ist das zu gefährlich“

Ich hätte mich früher nie als Feministin bezeichnet, obwohl ich (wahrscheinlich im Gegensatz zu vielen meiner Mitschüler_innen) keine große Abneigung dagegen hatte. Ich hatte mich einfach nie damit auseinandergesetzt, dass ich manche Sachen vielleicht deswegen nicht machen kann bzw. darf, weil ich als Mädchen geboren wurde. Darüber aufregen musste ich mich natürlich trotzdem.
So absurd das klingen mag, aber zum ersten Mal deutlich wurde mir diese Ungleichbehandlung, als meine Zwillingsschwester und ich ins „fortgehtaugliche“ Alter kamen, sprich 14, 15 Jahre alt. Unser älterer Bruder durfte in diesem Alter bereits jedes Wochenende die Festln in der Umgebung abklappern (einer der Vorteile, wenn man im Weinviertel aufwächst: jedes Wochenende im Sommer gibt es entweder von JVP, Landjugend oder Feuerwehr großartig ekelhaften Alkohol und schlechte Musik auf irgendeinem Feld oder in einem Stadl) – meine Schwester und ich mussten uns allerdings von unserer Mutter anhören, dass das für Mädchen „zu gefährlich“ sei und dass uns zu viel passieren könnte. Sie ist keine wertkonservative Person, sie wurde nur leider selbst so erzogen.
Und auch die Schule ist kein Ort, wo Gleichberechtigung gelebt wird. Natürlich gab es auch an meiner Schule Lehrer, die im Werkunterricht den zwölf-jährigen Mädchen nach einer ausführlichen Begutachtung deren Dekolletés (das man mit zwölf bekanntlich ja schon hat). Und auch wenn es Probleme mit dem Beamer oder Computer gab, wurde nicht nach einem der 27 Mädchen, sondern nur nach den Burschen gerufen, um bei der Reparatur zu helfen.

Wo wär sie denn, die Gleichberechtigung?

Als ich dann begann, mich langsam mit Antisexismus und Feminismus auseinanderzusetzen, merkte ich erst, in wie vielen anderen Lebensbereichen Frauen* anders behandelt werden als Männer* – sei es nun als kleine Kinder (Vater zu kleinem Bruder: „Heul doch nicht so wie ein Mädchen“), beim Fortgehen oder wenn Frauen* gerne Kinder und eine Karriere hätten ohne als Rabenmütter hingestellt zu werden. Diese Erkenntnisse ließen meinen Grant auf die Gesellschaft, in der wir alle leben, sehr groß werden.
Wie kann es sein, dass ein mittlerweile-ÖVP-Nationalratsabgeordneter Marcus Franz twittern kann, dass quasi die Welt zusammenbrechen würde, wenn es Männern* nicht länger erlaubt ist, Frauen* auf den Arsch zu fassen und sie damit herabzuwürdigen und so ziemlich jede persönliche Grenze zu überschreiten? Wie kann es sein, dass Frauen* die Schuld gegeben wird, wenn sie vergewaltigt wurden? Wie kann eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht checken, dass es nicht ok ist, Frauen* noch immer als das „andere Geschlecht“ zu sehen und es nicht schaffen, einfach jeden Menschen gleich zu behandeln? Und wie kann es sein, dass Frauen* noch immer das Recht verwehrt wird, frei über ihren Körper zu entscheiden?

Solche und ähnliche Fragen schießen mir jeden Tag in den Kopf, wenn ich auf der Straße oder beim Fortgehen grindig angeredet werde, wenn Männer nicht checken wollen, dass Frauen es definitiv NICHT leiwand finden, begrabscht zu werden oder wenn ich einfach nur Zeitung lese.

Feminismus ist auch die Bekämpfung anderer Diskriminierungsarten, wie z.B. Rassismus oder Homophobie.

Feminismus ist auch die Bekämpfung anderer Diskriminierungsarten, wie z.B. Rassismus oder Homophobie.

Sisters unite!

Ich würde mir wünschen, dass wir es in ein paar Jahren oder Jahrzehnten endlich zu einer gleichberechtigten Welt geschafft haben. Ich würde mir wünschen, dass ich – sollte ich tatsächlich einmal Kinder haben – meiner Tochter nicht beibringen muss, wie sie am besten aufpasst, wenn sie alleine unterwegs ist oder wie sie sich wehren kann, sondern dass Männern und Burschen beigebracht wird, dass sie nicht vergewaltigen sollen.
Ich würde mir wünschen, dass jede Person mit ihren persönlichen Grenzen respektiert wird und dass es für die Karriere, die Persönlichkeit, den Umgang miteinander egal ist, mit welchem biologischen Geschlecht man geboren wurde.

Dafür müssen wir gemeinsam kämpfen, Tag für Tag – in jeder Situation, in der wir aufgrund unseres Geschlechts unterdrückt werden, dürfen wir nur nicht aufgeben. Dann können wir vielleicht bald in einer wirklich gleichberechtigten Welt leben.

We can do it! Foto:
We can do it!