21. August 2016
Geschrieben von

Vom Salatwaschen und Kartoffelschälen

Ein Bericht eines Zivildieners

Viele Zivildiener* arbeiten mit und für behinderte Menschen. Doch wie sieht der Arbeitsalltag wirklich aus? Ein anonymer Bericht über Utopien und reale Zustände.

Nach der Matura musste ich mich zwischen Bundesheer und Zivildienst entscheiden. Dieses Problem war schnell überwunden und ich suchte nach Zivildienst-Stellen in meiner Stadt. Tatsächlich bietet der Zivildienst viele spannende Betätigungsfelder, man kann in der Flüchtlingsbetreuung, beim Rettungsdienst, im Altersheim und vielem mehr arbeiten. Ich entschied mich für eine „Beschäftigungs- und Qualifizierungseinrichtung für Menschen mit Behinderung bzw. mit Lernschwierigkeiten“, eine Cateringfirma, in der Menschen mit und ohne Behinderung* gemeinsam arbeiten. Über neun Monate lernte ich dann relativ viel über inklusive Arbeit, wie sie funktioniert und wie sie nicht funktionieren kann und soll.

Behindert – werden oder sein?

Da mein Zivildienst im Herbst begann konnte ich mich im Sommer noch damit beschäftigen, was auf mich zukommen würde. Die Wissenschaft, die sich mit dem Begriff Behinderung auseinandersetzt, heißt Disability Studies. Das spannende daran ist, dass diese keinen naturwissenschaftlichen Zugang hat – womit Behinderung als etwas angeborenes bzw. objektives wahrgenommen würde – sondern einen sozialwissenschaftlichen. Behinderung wird als Konstruktion gesehen. Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert – von uns als Gesellschaft. Das heißt, wer als behindert gilt, ist nicht objektiv belegbar, sondern wird von uns als Gesellschaft festgelegt. Ich als Brillenträger werde nicht als behindert bezeichnet, obwohl ich ganz offensichtlich eine Beeinträchtigung der Sehkraft habe, ganz einfach, weil Sehschwäche in unserer Gesellschaft nicht als Behinderung gilt und durch Brillen ausgeglichen wird.

Das Konzept Inklusion

Aber warum spielt das eine Rolle? Ganz einfach: sieht man Behinderung als Konstrukt und will man dieses versuchen aufzulösen, dann muss sich unser Bildungssystem und unsere Arbeitswelt, ja, unsere gesamte Gesellschaft schlagartig verändern. Und hier kommt der Inklusionsgedanke ins Spiel. Inklusion am Beispiel Schule bedeutet, dass alle Individuen als einzigartig wahrgenommen werden. Es gibt keine schlechten und guten Schüler_innen, keine unfähigen und fähigen, sondern alle lernen – ob gemeinsam oder allein – in ihrem Tempo und auf ihre Art und Weise, ohne Druck, einer Norm zu entsprechen. Und alle haben persönliche Stärken und Schwächen.

Das alles hört sich natürlich ziemlich nach Utopie an. Betrachten wir unser Schulsystem, dann ist dieses geprägt davon auszuschließen, einzuteilen und Eliten zu fördern. Es beginnt bei der fehlenden räumlichen Barrierefreiheit, geht weiter mit der Einteilung in verschiedenste Schultypen und endet bei einem Unterricht, der Kindern, die ihm nicht folgen können, quasi ins Gesicht sagt: „Pech gehabt“

Integrative und inklusive Einrichtungen

Doch das heißt nicht, dass sich das nicht ändern ließe. So werden, wenn auch nicht schnell genug, irgendwann alle Schulen die größten räumlichen Barrieren abgebaut haben. Auch neue Unterrichtsmethoden finden Einzug in den Unterricht – so wie das Team Teaching, das dafür sorgt, dass Schüler_innen individueller betreut werden können. Und ein wichtiger Beitrag sind auch Integrations-Klassen, die behinderten Kindern einen regulären Schulbesuch ermöglichen.

In meiner Vorstellung konnte man meine Zivildienststelle mit einer solchen Integrationsklasse vergleichen, nur eben auf Arbeitsebene. Behinderte und nicht-behinderte Menschen arbeiten gemeinsam, möglichst ohne Hierarchien.

Der Zivildienst

Wie gesagt begann meine Arbeit als Zivildiener im Herbst und schnell änderte sich die oben genannte Vorstellung von der Art der Einrichtung. Es gab zwar verschiedenste Betätigungsfelder, es wurde gekocht, geputzt, abgewaschen, geliefert und einiges mehr. Doch anstatt, dass unter Betreuung diese Arbeiten gemeinsam von nicht-behinderten und behinderten Menschen erledigt wurden, waren die Aufgabenfelder klar eingeteilt. Das Kochen übernahmen ausgebildete Köche, die Zuarbeit, die meist weniger anspruchsvoll war, übernahmen zu einem großen Teil Menschen mit Behinderung. Auf Stärken und Schwächen wurde bis zu einem gewissen Grad Rücksicht genommen, doch waren herausfordernde, neue und spannende Tätigkeiten nicht gerade an der Tagesordnung. Einen Großteil der Zeit verbrachten sowohl die Zivildiener als auch das Personal mit Behinderung bei Abwasch, beim Salatwaschen oder Kartoffelschälen.

Nach den ersten Monaten hatte sich bei mir ein relativ monotoner Arbeitsalltag entwickelt. Meiner Meinung wurden die beeinträchtigten Mitarbeiter_innen nicht integriert, sie hatten kaum Mitspracherecht und man bekam täglich im Umgang den Unterschied zwischen Beeinträchtigten und Nicht-Beeinträchtigten zu spüren.

Mich wunderte das vor allem deshalb, weil ich die pädagogischen Betreuer_innen als engagierte Mitarbeiter_innen kennen lernte und mich fragte, wie sie mit dieser Art von Arbeit zufrieden sein konnten. Doch im Laufe der Zeit wurde das eigentliche Problem der Einrichtung deutlich: Gewinnorientierung

Eine Frage des Geldes

Meine Zivildienststelle hatte eine nicht einfache Aufgabe zu erfüllen. Einerseits hatte sie einen sozialen Auftrag, sollte zur Arbeitsintegration beitragen und einen pädagogischen Wert haben. Andererseits sollte sie tatsächlich wirtschaftlich funktionieren. Ich bekam das Gefühl, dass vor allem für die Leitung der Einrichtung, die kaum am aktiven Arbeitsprozess teilnahm, vor allem der ökonomische Erfolg im Vordergrund stand. Dadurch wurde unsere Arbeit danach bewertet, wie schnell wir mit den zu erledigenden Aufgaben vorankamen. Und das wiederum führte zu einem kontraproduktiven Leistungsdruck. Denn es spielte zwar das Erledigen der Aufgaben eine Rolle, doch nicht, wie es zustande kam. Ich als Zivildiener hätte theoretisch eine betreuende Rolle gehabt, musste jedoch häufig einfach die Abwasch oder ähnliche Arbeiten erledigen, wodurch ich weniger Zeit für meine eigentlichen Aufgaben hatte. Langsam stellte sich ein gewisser Frust und Resignation ein. Ähnlich ging es vielen anderen Fachmitarbeiter_innen und behinderten Mitarbeiter_innen.

Ich glaube, der wirtschaftliche Erfolg stand im Gegensatz zum inklusiven Charakter der Einrichtung. Denn es war einfach keine Zeit, um Arbeiten zu erlernen. Sie mussten schnellstmöglich passieren. Es wurde viel zu wenig auf individuelle Geschwindigkeiten eingegangen, denn die durch das Arbeitspensum vorgegebene Geschwindigkeit ließ keinen Spielraum für Flexibilität.

Nach neun Monaten Zivildienst war ich deshalb nicht besonders überzeugt von meiner Zivildiensterfahrung. So viel hätte meiner Meinung nach anders passieren müssen. Erst im Rückblick merke ich, dass auch einige Dinge sehr gut funktionierten, für deren Schilderung hier aber kein Platz mehr ist. Trotzdem glaube ich, dass auch viele Fehler passiert sind, die eine bessere Einrichtungs-Leitung nicht gemacht hätte. Doch das größte Problem sehe ich im Systemfehler. Dass eine inklusive Einrichtung auch wirtschaftlich arbeiten soll, sehe ich nicht als Problem. Doch muss der inklusive Charakter immer im Vordergrund stehen und darf nicht ökonomischen Zwängen unterliegen. Menschen sollten mehr wert sein als Geld.

Integration, Inklusion – eh alles das gleiche? Foto: http://bit.ly/2bxuLtY
Integration, Inklusion – eh alles das gleiche?