23. Februar 2016
Geschrieben von

Offener Brief an das Bildungssystem

Themenwoche Bildungswünsche

Was eine angehende Maturantin über Individualität in der Schule zu sagen hat.

Liebes Bildungssytem,

seit fast schon 12 Jahren gehe ich mittlerweile in die Schule und stehe jetzt kurz von meiner Matura. Vor wenigen Wochen, war ich deswegen mit meiner Klasse auf Berufsreflexionstagen, um über meine Zukunft nach der Schule nachzudenken. Meine Klassenvorständin beendet die letzte Workshop-Einheit mit dem Satz: „ Vergesst niemals: Anders sein, macht euch besonders.“ Dieser Satz geht mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf. Nach 12 Jahren Lernen für Fächer, die ich nicht mag, Aufsätze schreiben über Themen, die ich nicht verstehe und Erarbeiten von Stoffgebieten, ohne auf meinen Lerntyp einzugehen, würde ich niemals auf die Idee kommen, dass es gut ist anders zu sein im Lernapparat Schule.
Wir als Schüler_innen haben alle gleich zu sein. Alle haben die gleichen Stärken und Schwächen zu haben und am besten sogar noch den gleichen Lerntyp zu besitzen. Dabei ist es egal, welche Begabungen wir haben, woher unsere Eltern kommen und wie viel wir zu Hause schulisch unterstützt werden. Alle sollen wir nach dem gleichen Muster ja kompetenzorientiert lernen. Nach 12 Jahren Schule kann ich deswegen zwar die binomischen Formeln auswendig, aber wo meine Stärken und Schwächen außerhalb der Schule liegen, weiß ich nicht. Versucht man jetzt außerhalb der Schule seinen Begabungen nach zu gehen, verpasst deswegen vielleicht Schulstunden oder vergisst womöglich sogar auf eine Hausübung gilt man als unverantwortlich. Wie kann man es als Schülerin auch nur wagen sich mit anderen Dingen als der eigenen Ausbildung zu beschäftigen? Für das österreichische Bildungssystem ist eben nicht wichtig, die späteren Generationen optimal und individuell zu fördern, sondern in möglichst kurzer Zeit das wichtigste „Allgemeinwissen“ in sie hinein zu hämmern, das einen Tag nach der Schularbeit sowieso für immer verloren ist.
Dass dieses Bildungssystem vielleicht falsch und nicht immer perfekt ist, das würde niemals zur Debatte stehen. Zehn Schüler_innen haben ein „Nicht genügend“ auf die Matheschularbeit und natürlich sind die Schüler_innen schuld, die einfach schwach in Mathe sind und nicht die Zusammenstellung der Matheschularbeit, die nicht an die Fähigkeiten ihrer Schüler_innen angepasst ist. Mit einer schlechten Note steht man plötzlich ganz alleine da. Man muss sich selber darum kümmern die schlechte Note und die damit einhergehende Schwäche in dem Unterrichtsfach zu verbessern. Niemand in der Schule überlegt, warum es Schüler_innen gibt, die Schwächen im Unterricht haben. Niemand in der Schule sorgt sich darum, wie man sich Nachhilfe leisten soll. Nachhilfe ist teuer und nicht für alle Familien bezahlbar. Was aber tun, wenn man ein Problem in Mathematik hat und sich weder Nachhilfe leisten kann, noch Eltern hat, die einem_einer bei dem eigenen Matheproblem helfen können? Die selber einfach vielleicht nie ein Gymnasium besucht haben und finanziell darauf angewiesen waren sofort nach der Pflichtschulzeit arbeiten zu gehen. Genau hier braucht es ein Bildungssystem, das mich mit meinen Problem nicht plötzlich alleine lässt, obwohl ich sonst doch eine_r von vielen Schüler_innen bin und das meine Stärken und Schwächen individuell fördert.

Wir leben in einer Welt die bunt, modern und stätig im Wandel ist. Eine Welt voller Individuen, in der es cool ist anders zu sein, einen speziellen Kleidungsstill zu haben und Musik aus den 80er zu hören. Unsere Schulen müssen genau an diese Welt angepasst sein. Ich will eine Schule, die mich als Musikerin wahrnimmt und mich nicht zwingt binomische Formeln auswendig zu lernen. Ich will eine Schule, die mir 8 Stunden die Woche Geschichte Unterricht anbietet und mich nicht zwingt drei Jahre lange vertiefende organische Chemie zu nehmen. Ich will eine Schule, die mich als Jasmin mit all meinen Talenten, Stärken und Schwächen fördert und mich nicht als eine von vielen abstempelt.

Mit freundlichen Grüßen

Jasmin Chalendi

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