15. September 2015
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Antirassismus immer und überall!

In Österreich gibt es keinen Rassismus. An unseren Schulen würden niemals Lehrerinnen* und Lehrer* unterrichten, die rassistische Aussagen tätigen. Ausgrenzung und Diskriminierung hat es bei uns doch nie gegeben. Aussagen wie diese konfrontieren uns täglich. Doch stimmen sie wirklich? Gibt es in Österreich tatsächlich keine Rassistinnnen* und Rassisten* mehr?

Ich bin ja kein_e Rassist_in, aber….

Vorurteile, die Angst vor dem Unbekannten und mangelnde Reflexion. Die beste Mischung für den altbekannten Rassismus. Lange schon werden Menschen in unserer Gesellschaft verstoßen, weil sie „anders“ sind. Weil sie nicht dem Bilde der typischen Österreicherin*, dem typischen Österreicher* entsprechen. Doch was genau ist eigentlich typisch österreichisch?

Typisch österreichisch?

 

Bin ich Österreicherin*, weil ich in Wien in die Schule gehe, meine Mama in Wien geboren ist oder ich weiß wie man Kaiserschmarn und Wiener Schnitzel macht? Bin ich immer noch Österreicherin*, wenn mein Papa aus Tunesien kommt, meine Hautfarbe dunkler ist und ich auch weiß wie man Couscous und Baklawa zubereitet? Egal wie lange ich in hier lebe, für viele werde ich nie richtig österreichisch sein und die rassistischen Bemerkungen auf der Straße nicht weniger werden. Täglich bin ich von Rassismus umgeben. Täglich mit den Menschen konfrontiert, die hetzen und Vorurteile verbreiten. Ich dachte schon fast, dass es keine Österreicherinnen* und Österreicher* mehr gibt, die wissen was es heißt, Menschen nicht aufgrund von Religion und Hautfarbe zu verurteilen. Die Menschen helfen, die ihre Hilfe am dringendsten benötigen.

Zivilcourage – „Ja bitte!“

Strahlende Erwachsene, leuchtende Kinderaugen und zutiefst berührte Helfer_innen. Bilder wie diese findet man derzeit an Wiener Bahnhöfen. Täglich kommen hier 1000 Flüchtlinge an, die nach monatelanger Reise in Wien für wenige Augenblicke Schutz suchen. Das erste, was sie hier bei ihrer Ankunft sehen, sobald sie aus dem Zug aussteigen, ist ein kleiner, unscheinbarer Zettel in weiß und blau. Liest man diesen bis zum Schluss, bleibt einem_einer vor allem die Schlussformel in Erinnerung. „You are safe now. Welcome.“ Wer hätte vor zwei Wochen noch gedacht, dass die ÖBB persönlich so ein Schreiben verfasst und Flüchtlingen somit die große Angst vor dem unbekannten neuen Land nimmt?

Alles nur ein Schein?

Als vor wenigen Wochen noch unzählige Menschen zutiefst bestürzt waren, dass unserer Politiker_innen nichts gegen die vielen, bösen Ausländer_innen tut, war ich unglaublich schockiert. Schockiert, dass man so wenig Mitgefühl empfinden kann. Doch als sich dann immer mehr Menschen diesem Gedankengut anschlossen, meine Timeline auf Facebook täglich mit rassistischen und ausländer_innenfeindlichen Postings voll war und ich auch bei der Arbeit täglich zu hören bekam, wie schlimm doch alle Flüchtlinge sind, war ich nicht mehr schockiert, sondern einfach nur wütend. Wütend, dass Österreicher_innen nichts aus den Fehlern der Vergangenheit lernten.

Zu oft wurden in unserer Geschichte Menschen ausgegrenzt und schlechter behandelt. Schlichtweg aufgrund von Vorurteilen, die doch tatsächlich in unserer aufgeklärten Gesellschaft immer noch Anklang finden. Ich verstand und verstehe nicht, wie man Leute verurteilen kann, ohne ihre Geschichte zu kennen, ohne zu wissen was dieser Mensch schon alles erlebt hat. Wieso begreifen nur so wenige, dass kein Mensch sein geregeltes Leben, seine Familie und Freund_innen, gegen ein Leben auf der Flucht in Angst und Verzweiflung tauscht? Das eigene Leben setzt niemand leichtfertig aufs Spiel. Niemand setzt sich in ein überfülltes Schlauchboot, marschiert hunderte von Kilometern und hungert tagelang, wenn sie* oder er* keine andere Wahl mehr hat. Plausibel, oder? Vielen waren diese Fakten egal.

Das Blatt wendet sich!

Doch als dann 71 Flüchtlinge qualvoll im Burgenland in einem LKW erstickten, wurden die Rassist_innen immer leiser und ihre Postings auf Facebook immer weniger. Stattdessen solidarisierten sich immer mehr Menschen mit den Flüchtlingen und halfen mit, sie zu versorgen. Gaben ihnen Essen, einen Schlafplatz, Geld und vor allem Hoffnung. Hoffnung, dass ihre Odyssee bald ein Ende haben wird.

Aus dem nichts wir die Organisation gegründet, die die Erstvorsoge koordiniert

 

orf.at

 

Wir können alle Helfer_innen sein!

Auch ich konnte nicht länger wegsehen, packte meine Kuscheltiere und marschierte zum Wiener Westbahnhof. Noch nie habe ich Kinder so strahlen sehen. Das Bild des kleinen Mädchens, das mit dem Stoffhund im Arm davon lief und sich noch einmal umdrehte, um mir ein Lächeln zu schenken, werde ich nie wieder vergessen.

Antirassistin* für immer und immer!

Bilder wie diese brennen sich in das Gedächtnis ein und geben einem_einer jeden Tag einen Grund mehr dafür zu sorgen, dass Rassismus und Diskriminierung in Österreich keine Themen mehr sein dürfen. Niemand soll in unserer Gesellschaft ausgegrenzt werden, nur weil sie* oder er* einen anderen kulturellen Hintergrund hat, als die österreichische Norm. Leichter gesagt, als tatsächlich getan. Wir alle sind doch täglich von Vorurteilen, Stereotypen und Cliches umgeben. Schalten wir den Fernseher ein, läuft die neueste Autowerbung, in der ein weißer Mann am Steuer sitzt; schlagen wir die Zeitung auf, sehen wir die Spitze der österreichischen Regierung: Alles alte weiße Männer. Und gehen wir in die Schule, hören wir einen ausländer_innenfeindlichen Witz nach dem anderen. Doch wem fällt hierbei schon auf, dass diese Dinge doch tatsächlich dazu beitragen, dass Österreich vielleicht nie frei von Rassismus sein wird? Es liegt an uns, unser tägliches Umfeld jeden Tag aufs neue auf Rassismus und Diskriminierung zu untersuchen. Unser tägliches Denken immer und immer wieder zu überprüfen. Sichtbar zu machen, wenn andere aufgrund von Vorurteilen schlechter behandelt werden. Teilzeitrassismus existiert nicht. Nur wenn wir in allen Bereichen und immer wieder dafür sorgen, Rassismus keinen Platz zu geben, wird er verschwinden. Toleranz und Akzeptanz darf man nicht nur predigen, sondern muss man auch tatsächlich leben.

STADTBEKANNT Foto: STADTBEKANNT