13. Dezember 2015
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Liebes Christkind, sei mir nicht böse, aber…

Wenn mich in der Volksschule jemand fragte, worauf ich mich zu Weihnachten denn am meisten freuen würde, antwortete ich meist brav so etwas wie: "Gemeinsam mit meiner Familie Zeit verbringen und Spiele spielen ", obwohl ich eigentlich nur an eines dachte: "Geschenke, Geschenke, Schokolade, noch mehr Geschenke". Über die Jahre haben sich Prioritäten zwar ein wenig verschoben, trotzdem ist mein Bild von Weihnachten noch immer eng mit dieser Vorfreude auf Materielles verknüpft.

„Weihnachten ist ja nur noch Konsum!“

Alle Jahre wieder zur ungefähr selben Zeit regen sich Menschen gerne wegen des Konsumwahns zu Weihnachten auf. In den Kommentarspalten renommierter Qualitätszeitungen, in Online-Foren, und im Bus am Weg zur Schule: Überall liest und hört man scheinbar nur noch Dinge wie „Konsumgesellschaft, Kapitalismus, überfüllte Einkaufszentren“ oder „Weihnachten ist das Fest der Liebe!?!?“. Alle Jahre wieder schreiben wütende Menschen darüber wütende Artikel, nur um sich ein paar Stunden später am Christkindlmarkt noch einen Punsch zu gönnen. Kritik an Weihnachten ist durchaus berechtigt und gut, nur schleicht sich hier oft eine gewissen Doppelmoral ein.

So geht es mir zumindest. Denn so sehr ich auch kritisiere, dass sich bereits Mitte September Lebkuchen in den Regalen stapeln, so sehr freue ich mich insgeheim schon darauf, selbst welche zu kaufen. Auch wenn mich die dekadenten Völlereien im alten Rom im Geschichtsunterricht immer anwiderten, sind die meisten Weihnachtsessen nicht mehr weit davon entfernt. Zwar ärgere ich mich darüber, wenn vor Weihnachten das gesamte Stadtleben nur noch in Einkaufszentren und auf Christkindlmärkten stattzufinden scheint, trotzdem war ich alleine letztes Wochenende auf gleich zwei davon.

Das stolze Selbst-auf-die-Schulter-Klopfen zum erfolgreichen Durchschauen der Kapitalismusmaschine kann ich mir diesen Advent bisher also noch sparen. Denn obwohl ich mich und mein Konsumverhalten das restliche Jahr lang für relativ reflektiert halte, scheint hier etwas gehörig schief zu laufen.

Absatzmarkt Weihnachten

Dem Opportunismus, dem Zwang zur Anpassung und zum Konsum rund um Weihnachten zu widerstehen, stellt sich schwieriger als gedacht heraus: Von allen Seiten lachen mir Weihnachtsmänner entgegen, die mir Erfrischungsgetränke andrehen wollen, Plakatwände sind voll tapeziert mit Bildern von Weihnachts-Schokolade, Weihnachts-Tee, Weihnachts-Socken. Weihnachtsfeier hier, Christmas-Party da, hast du die neuen Christmas-Hits schon gedownloaded? Selten werden wir medial so reizüberflutet. Je länger man aufmerksam beobachtet, desto abstruser scheint dieses Fest, dieser kommerzialisierte Brauch. Wie ein riesiger Absatzmarkt, versteckt hinter Lichterketten und Keksdosen.

Kalender-Weisheiten

Artikel wie dieser enden meist mit einer Standard-Weisheit. Nicht nur aus religiöser Perspektive wird oft argumentiert, man solle sich endlich wieder auf den wahren Sinn von Weihnachten besinnen. Was dieser ist, sei dahingestellt, doch auch abgesehen davon möchte ich diesen Artikel nicht mit diesem Spruch beenden. Zu oft habe ich diesen Satz schon gehört, oder auch selbst gesagt. Ich kann für mich und für einen Großteil meines Umfelds sprechen, wenn ich sage, dass wir dem Konsum auch dieses Jahr nicht 100 %ig entkommen werden.

Und ja, vielleicht reicht ein Punschabend daheim, anstelle des zehnten Christkindlmarkt-Besuches. Adventkalender, Kekse und Geschenke einmal Selbermachen. Ein Familienessen, anstatt drei. Vor allem müssen wir jedoch versuchen, die Augen zu öffnen und allem, womit wir in diesen Tagen überflutet werden, kritisch gegenüber zu stehen. Das ist nicht weltverändernd, jedoch ein Anfang. (Aber Geschenke will ich bitte trotzdem!)

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