4. Dezember 2015
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„Jetzt hab dich nicht immer so!“

Tür aufhalten, die Rechnung bezahlen, in den Mantel helfen. Auf der Suche nach dem Gentlemen-Sexismus erkennt Hannah Stangl, dass er oftmals erst als solcher enttarnt werden muss. Denn was für manche noch als höfliche Geste gilt, kann von anderen bereits als beleidigend oder erniedrigend wahrgenommen werden. Wo diese Grenze zwischen Höflichkeit und Sexismus verläuft und warum wir sie trotz allem ziehen müssen, versucht sie in diesem Text zu beantworten.

Auch mir ist es letztens passiert: als ich im Zug zur Schule meinen Mantel anziehen wollte, sah sich mein Sitznachbar scheinbar dazu berufen, mir zu helfen. Überrascht und sichtlich irritiert stammelte ich ein „Danke“ und ärgerte mich im nächsten Moment sofort darüber. Schließlich hatte ich nicht nach Hilfe gefragt, meinen Mantel kann ich ganz gut alleine anziehen und dafür hatte ich mich gerade auch noch bedankt?

„Das war doch nur nett gemeint“

Immer wieder wird mir dieses Argument unterkommen, wenn es um sogenannten „Gentleman-Sexismus“ geht. In diese Kategorie fallen allerlei „Höflichkeiten“, sei es das simple Tür-Aufhalten, ein galantes In-den-Mantel-Helfen oder -für die ganz Antiquierten- das Stuhl-vom-Tisch-Rücken. Was sich hier schön langsam abzeichnet, lässt erahnen, was sich hinter dem Gentlemen-Sexismus eigentlich verbirgt: Sexismus getarnt mit Zylinder und Frack. Dass diese Gesten oft nett gemeint sind, macht sie nämlich nicht weniger unpassend, sondern nur schwieriger zu bekämpfen.

„Nur weil ich einer Frau die Tür aufhalte, bin ich doch noch lange kein Sexist!“

.., wird man mir spätestens hier entgegnen. Die Sache mit dem Sexismus ist aber Folgende: Er existiert nicht nur in einer Form. Schön und gut, wenn man als Mann nicht auf die Idee kommst, uns auf offener Straße sexistische Sprüche hinterherzurufen, damit ist die Sache aber leider noch nicht erledigt. Denn, wie gesagt, gibt es noch viele andere Wege, um sexistisch zu handeln und somit patriarchale Strukturen weiter zu reproduzieren.

Das, was ich vorhin beschrieben habe (man nennt diese Form von Belästigung auch Cat-Calling) und das „nett gemeinte Tür-Aufhalten“ gemeinsam haben, ist oft nicht auf den ersten, aber auf den zweiten Blick sehr wohl erkennbar: all das verfestigt letztendlich das Bild, dass wir schwach, klein und unselbstständig sind, und somit wären wir wieder beim guten alten Rollenbild angelangt, von dem wir doch gehofft hatten, es im letzten Jahrhundert gelassen zu haben. Und je mehr man darüber nachdenkt, desto leiser werden die Stimmen im eigenen Kopf, die auf einen Unterschied zwischen Gentlemen-Sexismus und dem im gesellschaftlichen Diskurs präsenteren Formen von Sexismus beharren.

Denn jede Handlung, genauso jeder Satz, jede beiläufige Bemerkung repräsentiert in gewisser Weise, was in unserem Inneren vorgeht. Wenn Männer uns also ungefragt die Tür aufhalten oder das Getränk bezahlen, haben sie, bewusst oder unbewusst, immer noch traditionelle Rollenbilder im Kopf. Dass diese verschwinden sollen, und das so schleunigst wie nur möglich, ist mittlerweile hoffentlich auch bei der letzten Person angekommen. Das Hinterfragen eigener Verhaltensweisen, ist somit ein wichtiges Instrument, um Rollenbilder Stück für Stück aus unserer Gesellschaft zu streichen.

„Du übertreibst ja völlig“

Hier wären wir bei dem Punkt angelangt, bei dem ich in Diskussionen gern unterbrochen werde. „So ist das ja nicht gemeint“ wird mir dann gesagt. Ich würde mich schon wieder viel zu sehr aufregen und in kleine Gesten Dinge hineininterpretieren, die völlig aus der Lust gegriffen seien. Lieber solle ich mich den „wirklichen Problemen“ zuwenden und nicht auf „Kleinigkeiten rumhacken“. Ihr erinnert euch an den Sexismus, und dass er in vielen Formen existiert? Was daraus resultiert ist nämlich auch, dass all diese Formen bekämpft werden müssen.

Also nein, ich übertreibe nicht.

Die Grenze zwischen Höflichkeit und Sexismus mag für viele etwas verschwommen sein, doch ziehen müssen wir sie gerade aus diesem Grund. Ich will mich nicht länger rechtfertigen müssen, wenn ich mich nicht auf ein Getränk einladen lassen will. Ich will mich nicht länger für „Höflichkeiten“ bedanken müssen, nach denen ich nie gefragt habe. Ich will nicht länger Augenrollen sehen, wenn ich mich über diese Thema beschwere. Ich will nicht länger beschuldigt werden, eine Spaßbremse zu sein.

Mir geht es nicht darum uns Frauen stark zu machen, das sind wir nämlich sowieso. Es geht darum, die Sichtweise zu ändern, wie wir von der Gesellschaft gesehen werden. Also, liebe Gentlemen: denkt nach, reflektiert, ändert euer Verhalten! Denn diesem Sichtweisenwechsel steht noch einiges im Weg, und ich denke, ihr habt mittlerweile verstanden, dass auch ihr damit gemeint seid.

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