14. September 2015
Geschrieben von

„Interessensvertretungen sind unersetzlich“

Interview mit ÖH-Vorsitzenden Lucia Grabetz

Paralellen zwischen der Studierenden- und der Schüler_innenvertretung gibt es einige. Im Interview erzählt uns Lucia Grabetz von der Wichtigkeit direkter Wahlen, politischer Mitbestimmung und einer kritischen Vertretung.

Syntax: Die ÖH ist die Vertretung aller Studierenden in Österreich. Gibt es etwas was du aus deiner Erfahrung heraus zum Thema Demokratie und der Wichtigkeit davon sagen kannst?

Lucia Grabetz: Demokratie ist ein zentraler Begriff in der Geschichte emanzipatorischer Bewegungen. Demokratie bedeutet für mich, dass die Menschen selbst über ihr Leben und dessen Gestaltung bestimmen können. Hier muss auch die Bedeutung der Österreichischen Hochschüler_innenschaft gesehen werden: Interessensvertretung sind ein zentrales Mittel, um Rechte und politische Forderungen sichtbar zu machen und tatsächlich Realität werden zu lassen. Leider müssen wir oft hören, dass die ÖH keinen Sinn habe und dass die Zwangsmitgleidschaft abgeschafft gehört. Das würde die ÖH massiv schwächen und somit auch fortschrittliche Studierendenpolitik. Warum? Es braucht eine ÖH die unabhängig von externen Geldgeber_innen Politik machen. Nur so kann sie kritisch gegenüber dem Ministerium und der Universitäten auftreten.

Im Fall der ÖH nehmen Feminismus, Antifaschismus und Antirassismus eine zentrale Stelle in der öffentlichen Arbeit ein, vor allem seit es eine linke Exekutive gibt. Rechte, Konservative und andere Reaktionäre haben mit diesem Programm natürlich ein Problem und möchten deswegen die ÖH insgesamt schwächen.

Und noch ein anderer Punkt: Interessensvertretungen sind unersetzlich für eine funktionierende Demokratie. Wenn wir als einzelne Individuen Politik machen, werden wir demokratische Rechte weder erringen, noch verteidigen können. Darum braucht es starke Interessenvertretungen wie die ÖH oder die Bundesschüler_innenvertretung.

Syntax: Bei den ÖH-Wahlen heuer im Mai konnten alle Studierenden nach langer Zeit wieder die Bundesvertretung direkt wählen. Warum ist die ÖH-Direktwahl so wichtig, dass ihr euch so stark dafür eingesetzt habt?

Grabetz: Ich habe oben bereits erwähnt, warum die ÖH als Interessensvertretung von zentraler Bedeutung ist. Ich bin der Meinung, dass eine Interessensvertretung nur dann sinnvoll ist, wenn sie tatsächlich die Interessen jener Menschen vertritt, für die sie da ist, nur dann hat sie eine demokratische Legitimation von unten, von der Basis. In meinem Verständnis von Demokratie ist es eine Farce, wenn Menschen nicht direkt ihre Interessensvertretung wählen dürfen, dass ist die übelste Art und Weise einer Politik, die über die Menschen hinweg entscheidet. Umso wichtiger ist es, dass die ÖH endlich wieder direkt gewählt wird. Es war die Schwarz-Blaue Regierung, die die Direktwahl 2002 abgeschafft hat, um die linke ÖH zu schwächen. Umso erfreulicher ist es, dass wir so viel Druck aufgebaut haben, dass die Studierenden endlich wieder ihre Vertretung direkt wählen können und ihr somit eine stärkere Stimme geben. Die direkte Einbeziehung aller Studierenden in die Wahlen hat uns ermöglicht zu unterstreichen, dass etwa mangelnde Finanzierung nicht das Problem einzelner Hochschulen sind, sondern dass die Bundesregierung hier etwas tun muss.

Syntax: Welche Schritte müssen deiner Meinung nach gesetzt werden, damit mehr junge Menschen ihre Meinung lautstark vertreten und sich für Veränderung stark machen?

Grabetz: Wir leben in einem Europa, das zunehmend von rückschrittlichen Bewegungen bestimmt wird: Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus erleben neue Hochphasen. Während die einen immer reicher werden, werden die Ärmsten in unserer Gesellschaft immer ärmer. In einigen Teilen Europas beträgt die Jugendarbeitslosigkeit schon 50 Prozent. In ganz Europa werden Bildungseinrichtungen kaputtgespart. Die fortschreitende Entdemokratisierung, also die Entwicklung, dass wir immer weniger mitbestimmen dürfen, trifft auf die fehlenden Perspektiven für Jugendliche. Da müssen wir ansetzen, (Schüler_innen)Politik muss aufzeigen, dass es eine andere, eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums geben muss. Politik muss ermöglichen, dass Menschen wieder aktiv in politische Geschehnisse eingreifen, aber auch alle anderen Menschen. Ein wichtiger Punkt dazu ist: Diese Ideen können nicht von „oben“ kommen, sondern müssen mit jenen Menschen ausdiskutiert und entwickelt werden, die sie betreffen, vorallem auch junge Leute. Gute Politik bedeutet Politik mit den Menschen, nicht für sie. Ich glaube, darauf warten wirklich viele Leute, die gerne politisch aktiv wären.

Syntax: Wieso bist du politisch aktiv geworden?

Grabetz: Ich bin durch die Audimax-Bewegung so richtig politisch aktiv geworden, aber eigentlich haben den Grundstein meine Eltern gelegt. Politik war immer Thema bei uns zu Hause.

Schon in der Schule habe ich miterlebt, dass wir in einer Welt leben, in der unsere Freiheit ständiger eingeschränkt wird. Etwa die Freiheit, über den eigenen Körper zu bestimmen oder die Freiheit, eigenen Interessen und Begabungen nachzugehen. Gegen diese Einschränkungen müssen wir ankämpfen.

Syntax: Wenn du die ÖH mit der Schüler_innenvertretung vergleichst, was sind dringende Baustellen in der SV, LSV und BSV?

Grabetz: Auch wenn wir über zwei unterschiedliche Ebenen reden, ich glaube doch, dass die Probleme sehr ähnlich sind: Mangelnde Demokratie, mangelnde Selbstbestimmung. Als Studierende müssen wir uns dafür einsetzen, dass wir die Hochschule mitgestalten können. Das betrifft den Lehrplan, wo wir kritisches Denken fördern möchten, aber auch die Gestaltung des alltäglichen Lebens an der Hochschuley. Ich denke, das betrifft ebenso die Schule. Eine starke und kritische Schüler_innenvertretung ist enorm wichtig, dass die Interessen der Schüler_innen gehört werden. Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit erinnern: Teilweise sind einige Lehrer_innen von mir mit extrem sexistischen Sprüchen aufgefallen, wir konnten in der Lehrplanung wenig mitreden. Ich finde aber, gerade Schule ist ein guter Ort um darüber zu diskutieren, was uns bewegt, anstatt vorgefertigte Pläne abhandeln zu müssen. Ebenso müssen wir erkennen, dass Schule kein Ort ist, an dem die Probleme der Gesellschaft aufhören. Sexismus, rechte Parolen, soziale Probleme bestimmen leider nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Schule. Insofern ist eine kritische Schüler_innenvertretung wichtig, um auf diese Probleme hinzuweisen und sie aufzuzeigen. Ich habe oben davon gesprochen, dass wir zwar in einer Demokratie leben, wir aber über wichtige Ort nicht demokratisch bestimmen können. Die Schule ist ein gutes Beispiel dafür: Hier verbringen wir Jahre unseres Lebens, die uns extrem prägen. Gerade in diesen prägenden Orten, sollten Schüler_innen mitreden können: Dafür ist eine linke Stimme in der Schüler_innenvertretung extrem wichtig, genau so wie in der ÖH. Für eine Schule ohne Angst und Ausgrenzung, für eine Welt, in der alle gleich sind!

alttext_lucia Foto: VSStÖ Bundesorganisation
Lucia Grabetz ist im Vorsitzteam der Österreichischen Hochschüler_innenschaft.