30. Juli 2021
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Sexualisierte Gewalt und drugging: Betroffene berichten von ihrer X-Jam Reise

Trigger Warnung: Sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung

In letzter Zeit häuften sich Medienberichte über die Vorfälle am diesjährigen X-Jam. Von unangenehmen Kommentaren angefangen, zu sexualisierter Gewalt und Vergewaltigungen gehen die Anschuldigungen. Unter anderem durch Bastian Köstinger (18), an den sich durch einen Instagram Aufruf viele der Beteiligten wandten, kamen immer mehr Details ans Licht. Im Rahmen dieses Artikels habe ich mit dem 18-jährigen sowie mit zwei betroffenen Frauen gesprochen.

Eine davon sprach auch über die Erlebnisse einer Freundin. Diese war aufgrund der Schwere der Vorkommnisse nicht bereit selbst darüber zu sprechen.

Bastian Köstinger

Bastian, der selbst auch am X-Jam teilgenommen hat, wurde in erster Linie durch Erzählungen auf die Vorkommnisse aufmerksam. Gleich zu Beginn erzählt er von zwei Freundinnen, die ihm ihre Erlebnisse geschildert hatten. Sie wären permanent unangenehmen Kommentaren von Securities ausgesetzt gewesen, wurden nach dem Beziehungsstatus gefragt und angeflirtet worden. Der Satz „alles was auf X-Jam passiert, bleibt auf X-Jam“ sei gefallen. Basti meint, dass das völlig unangemessen für die Sicherheitsbeauftragten sei.

 

„Alles, was auf X-Jam passiert, bleibt auf X-Jam“

 

Daraufhin startete er einen Aufruf auf Instagram. Nach wenigen Tagen hatten ihm laut eigenen Aussagen bereits etwa 30 – 40 Personen, die, teils von schwerwiegenden Vorfällen betroffen waren, geschrieben. „Das ist wirklich breit gefächert. Da is‘ alles dabei. Androhungen Schlägereien, sexueller Missbrauch, sexuelle Belästigung, ganz normale Belästigung, es is‘ alles dabei.“

Durch Interviews und Medienauftritte, wo er auf das Thema aufmerksam machte, meldete sich auch X-Jam zu Wort. Der Veranstalter persönlich meldet sich bei ihm. Meint, dass man bei X-Jam natürlich bemüht ist, an der Aufklärung der Vorfälle zu arbeiten. Bastian äußert auch den Verdacht, dass man bei dem Reiseveranstalter maßgeblich an den falschen Ecken gespart habe. Wie z. B. eben bei den Securities. Er habe diesen Verdacht auch im Gespräch mit X-Jam angesprochen. Diese hätten erwidert, dass man dieses Jahr „maßgeblich aufgestockt“ hätte. Der Satz impliziert für Bastian aber, dass lediglich an Quantität und nicht an Qualität aufgestockt wurde, auch weil man bedenken muss, dass die Securities nicht mit Geld, sondern mit dem „Urlaub“ bezahlt wurden. Während unseres Interviews, meint er, dass er auch später noch ein Telefonat mit einem Mitarbeiter der Firma führen würde. Er sei gespannt, wie dieses ablaufen wird.

Er berichtet, dass viele der Betroffenen auf X-Jam vergebens nach einer Anlaufstelle gesucht hätten, um die Vorfälle zu schildern. Außer den Securities gab es aber niemanden, an den man sich wirklich wenden hätte können. Ihm wurde auch berichtet, dass wenn man die Vorfälle erzählte, die Mitarbeiter teilweise mit gelben Karten drohten. Kurz zur Erklärung. Wenn man sich auf X-Jam unangemessen benehmen sollte, war es angedacht, dass Mitarbeiter*innen gelbe oder rote Karten vergeben konnten. Die Gelbe war eine Verwarnung. Bekam man eine rote Karte, wurde man sofort heimgeschickt. Wer beispielsweise eine Vergewaltigung melden wollte, dem wurde eine gelbe Karte angedroht. Bastian meint dazu: „Also so wie es für mich ausschaut, haben die Security-Männer alles gegeben, damit das unter’m Tisch bleibt.“

 

„Also so wie es für mich ausschaut, haben die Security-Männer alles gegeben, damit das unter’m Tisch bleibt.“

 

Der Schüler ist mit der bisherigen Medienentwicklung recht zufrieden. Er hofft, dass das Thema aufgeklärt werden kann und es die Öffentlichkeit nicht nach einer Woche bereits wieder vergessen hat. Er selbst will zwar weiterhin Informationen teilen, sieht seinen Handlungsspielraum aber nun nach den vielen Interviews bereits als begrenzt.

Er würde sich auf alle Fälle wünschen, dass X-Jam seine Sicherheitsvorkehrungen anpasst und die Teilnehmer*innen auch tatsächlich schützt. Es wäre es gut, wenn alle die etwas getan haben, gestellt werden würden. Eine gerechte Entschädigung dafür würde es aber nicht geben findet er. „Die Mädchen werden wahrscheinlich ihr Leben lang darunter leiden.“

 

Anne

Auch Anne feiert mit ihrer Klasse die bestandene Matura auf X-Jam. Ihr wird beim Feiern vom Barkeeper etwas ins Getränk gemischt. Nachträglich wird bei ihr Benzodiazepin im Körper festgestellt. Das sind eigentlich verschreibungspflichtige Schlaf-, oder Beruhigungsmedikamente, werden aber oft als K.O.-Tropfen missbraucht. Die ersten Anzeichen, dass etwas mit ihrem Getränk nicht in Ordnung gewesen war, bemerkte sie eine halbe Stunde nach dem Konsumieren. Sie sitzt gerade mit einer Freundin auf der Terrasse, als sie plötzlich unter Atemnot, Kälte sowie einer verzerrten Optik leidet. Sie meint, dass sie zeitweise das Gefühl hatte, sie würde Sterben. Ihre Freundin entwickelt ähnliche Symptome, weshalb eine Dritte, die sich ebenfalls im Raum befindet, die Rettung ruft. Da war es etwa 0:45 Uhr.

Anne gibt an, dass sie hier bereits eine lückenhafte Erinnerung hat und sich in manchen Situationen auf die Erzählungen ihrer Freunde stützt, die bei ihr waren. An die Situation nach der Ankunft der Sanitäter*innen kann sich Anne aber erinnern und schildert von ihren negativen Erfahrungen mit diesen. Als die Ersthelfer*innen eintreffen, kommen diese zwar mit dem Rettungsauto, die beiden Frauen müssen jedoch trotz der schwerwiegenden Symptome zu Fuß in die Ambulanz gehen. Auch sie haben das Gefühl nicht ernstgenommen zu werden. Anne bekommt zu hören, dass ihr Zustand lediglich eine Panikattacke sei, außerdem wird sie vom Sanitäter gefragt, wie sie seine Frisur finden würde. Generell, sagt sie, hätte der männliche Sanitäter mehr mit ihr geflirtet als ihr zu helfen. Sie habe sich dadurch sehr unwohl gefühlt.

In der Ambulanz bekommt sie erstmal ein „Stamperl Beruhigungstropfen“, ohne zu wissen, wie sich dies mit den bereits verabreichten Drogen verträgt. Danach setzen die Erinnerungen wieder aus. Begleitpersonen zufolge habe sie lange geschrien und geweint. Dies war etwa in der Zeit von 1:15 bis 2:00. Danach schläft sie ein. Die Uhrzeiten weiß sie deshalb so genau, weil sie in Österreich eine Zeitaufstellung für einen Anwalt benötigte.

Beim Aufwachen, nach einem etwa zweistündigen Schlaf, wird ihr gesagt, dass ihr etwas in Getränk gemischt worden sei. Der Sanitäter meint auch, dass es nun bereits 6 weitere Fälle gäbe und sie nicht die einzige gewesen sei. Dennoch wollte man Anne nicht in ein kroatisches Krankenhaus bringen, um genauer zu überprüfen, was im Getränk gewesen sein könnte. Die Begründung des untersuchenden Sanitäters: „Die Werte passen.“ Anscheinend war man vor Ort nicht bemüht, den Vorfällen weiter auf den Grund zu gehen, um dies möglicherweise in Zukunft zu vermeiden.

Die Vorfälle ereigneten sich in der Nacht von 30. Juni auf 1. Juli. Am 2. Juli begab sich Anne zurück in Österreich ins Krankenhaus, wo ein Urintest durchgeführt wurde. Die Untersuchung in Österreich dauert 5 Stunden, worauf man auch die Droge Benzodiazepin im Körper feststellen konnte. Durch die ungewöhnliche Reaktion – Angst und Panik – sagen ihr die Ärzte auch, dass man andere Stoffe die zusätzlich mit hineingemischt waren nicht ausschließen kann. Nachweisen konnte man diese jedoch nicht mehr. Im Nachhinein meint Anne, erinnert sie sich noch daran, dass sie eigentlich ein Vodka Lemon bestellen wollte. Als sie an der Bar steht wird ihr aber bereits ein Gin Tonic in die Hand gedrückt. Ein Versuch vom Barkeeper den bitteren Geschmack der hineingemischten Stoffe zu überdecken, vermutet sie. Ein Anwalt den Anne aufsucht berät sie zwar, kann ihr aber dann auch nicht weiterhelfen. Er meint, dass man nichts mehr machen kann. X-Jam würde nämlich nicht für die Verbrechen seiner Angestellten haften und da der Angestellte in der Bar außerdem ein Kroate war, müsste sie wieder nach Kroatien fahren, um dort Anzeige zu erstatten. Dennoch stellt sie eine Anzeige bei der Polizei an X-Jam. Die genaueren Namen oder Gesichter der Barkeeper weiß Anne nicht mehr.  Ein persönlicher Kontakt mit X-Jam fand auch statt. Bisher aber nur schriftlich. X-Jam entschuldigt sich bei ihr und will ihr den Betrag der Reise zurückerstatten. Als wir das Interview am 14. Juli machen, meint sie, dass der Betrag noch nicht angekommen ist. Eine Woche später meldet sie sich aber bei mir und teilt mir mit, dass das Geld nun auf ihrem Konto ist.

Zum Schluss erzählt Anne noch etwas über die Securities vor Ort. Diese wären während der Dienstzeit bei ihnen im Zimmer gesessen und hätten „gefeiert“. Anne meint sie wären ihr auch sehr nahegekommen, hätten ihnen erzählt, dass sie die gelben Karten einfach nach Lust und Laune austeilen würden. Anne hatte auch Angst, dass die beiden männlichen Securities ihr gelbe oder rote Karten geben würden und sie nach Hause geschickt würde, wenn sie etwas gemacht hätte, dass ihnen nicht passt. Auch die Aussage „Die Drogen, die wir den Maturanten abnehmen, die nehmen wir dann selber“, sei gefallen.

Anne würde sich wünschen, dass, sollte X-Jam nächstes Jahr noch existieren, mehr wert auf die Sicherheit der Teilnehmer*innen gelegt werden sollte. Vor allem eine unparteiische Instanz neben den Securities sollte es geben. Sie fände es unverantwortlich, dass unbezahlte Studenten einen so großen Handlungsspielraum hatten und teilweise einziger Ansprechpartner waren. Auch medizinische Mitarbeiter, die durchgehen und sich umsehen ob alles in Ordnung wäre, fände sie gut.

 

„Die Drogen, die wir den Maturanten abnehmen, die nehmen wir dann selber.“

 

Lea & Elena (Namen wurden geändert)

Bei Lea und ihrer Freundin Elena kam es während der Maturareise ebenso zu Vorfällen. Hier von Seiten der Securities. Sie möchte anonym bleiben, weshalb ihr Name geändert wurde. Sie erzählt mir davon, dass sie alleine unterwegs war, als die Stages gerade zusperrten. Da sie betrunken war, beschließt sie vor den Eingängen zu warten, um zu sehen, ob sie jemanden kennt. Bemerkt wird dies durch einen der Securities, der daraufhin auf sie zukommt. Sie berichtet davon, dass dieser auch gleich seinen Arm um ihren Hals legt und auffordernd fragt, was sie denn jetzt tun sollen. Sie teilt ihm mit, dass sie jetzt nach Hause gehen würde. Wird daraufhin von dem „Helfer“ begleitet unter dem Vorwand, dass er sie sicher ins Zimmer bringen würde.

Bei ihr angekommen, geht er aber nicht wieder, wie man es eigentlich von einem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma erwarten würde. Er kommt ungefragt mit ins Apartment und legt sich sogar mit zu ihr ins Bett. Sie bittet ihn zu gehen. Er meint nur, dass er „eh gleich geht“. Daraufhin beginnt er sie „anzugrapschen“ und zu küssen. Auch auf eine mehrmalige Wegweisung ihrerseits und die klare Aussage, dass sie das nicht wolle, reagiert er nicht. Fasst ihr später auch in die Unterhose. Weiter soll es aber nicht mehr kommen. In diesem Moment kommt glücklicherweise Leas Zimmerkollege nach Hause. Er bemerkt die Situation und schmeißt den Mann aus dem Zimmer. Wer weiß was sonst noch alles passiert wäre.

 

Daraufhin sprechen wir über ihre Freundin Elena. Die beiden waren in derselben Abschlussklasse und sind gut befreundet. Elena wollte nicht persönlich am Interview teilnehmen, da sie noch nicht bereit ist, über die schwerwiegenden Vorfälle zu sprechen. [TW: Vergewaltigung] Sie wurde in der ersten Nacht von einem der Security Männer vergewaltigt. Ihr kam niemand zur Hilfe, der die Situation vermeiden hätte können.

Zusammen mit Lea geht sie am dritten Tag zur Ambulanz. Im Gegensatz zu Anne machen sie hier positive Erfahrungen und fühlen sich ernst genommen. Die Arbeitenden reagieren mit Bestürztheit, motivieren Elena auch dazu ins Krankenhaus zu fahren. Dort wird sie untersucht und ihre Kleidung ins Labor geschickt. Bis jetzt habe sie aber nichts mehr von ihnen gehört. Während des Interviews bekommt Lea eine Sprachnachricht von Elena, in der sie selbst kurz über ihre Erlebnisse spricht. Sie meint, sie habe bei der Polizei eine Aussage gemacht, diese sagten ihr aber, dass man wahrscheinlich nichts mehr machen könnte. Im Krankenhaus wäre der Verdacht auf K.O.-Tropfen geäußert worden. Untersucht wurde dies aber nicht. Elena muss sogar zuerst einen richterlichen Beschluss beantragen, um überhaupt mit einem Arzt sprechen zu können. Sie bezweifelt, dass sie von den Untersuchungen, die gemacht wurden, jemals Ergebnisse bekommen wird.

X-Jam selbst war der Fall vor Ort bekannt, reagiert wurde aber darauf nicht. Auch zuhause hört Elena lange nichts mehr von X-Jam, bis die Presse vermehrt über die Vorfälle berichtet. Danach bekommt sie, wie viele andere Betroffene eine Entschuldigungsmail, in der die Vorfälle aber verleugnet werden. In der Tonaufnahme meint Elena, sie fühle sich verhöhnt davon. Auch ihr versprechen sie die Kosten der Reise rückzuerstatten, bzw. bieten auch Kosten für eine Therapie an. Bisher kam aber noch kein Geld an und bezüglich der Therapie gibt es auch keine fixe Zusage. Den Kontakt mit dem Reiseveranstalter übernehmen Elenas Eltern, sie selbst fühlt sich nach den traumatischen Vorfällen nicht dazu in der Lage.

Im Fall von Lea schreibt sie Zuhause an X-Jam eine Mail, wird daraufhin angerufen. Ihr werden Bilder von möglichen Tätern gezeigt und sie kann den Mitarbeiter der Security-Firma identifizieren. Auch ihr wird die Rückerstattung des Reisepreises angeboten. Das Statement von X-Jam, welches ihr gesendet wird, findet sie aber unangemessen. Sie, Elena und auch andere Betroffene haben eine Mail bekommen in der geschrieben wird, dass sich „die schlimmsten und schwerwiegendsten Vorfälle bereits als nicht korrekt herausgestellt!“ hätten. Lea meint dazu nur „Des is‘ halt ein Blödsinn. Die wissen ganz genau was passiert is‘.“

„Des is‘ halt ein Blödsinn. Die wissen ganz genau was passiert is‘.“

Abschließend meint Lea, dass sie das Gefühl hat, dass man intern zwar Verantwortung übernehmen, es nach Außen hin aber leugnen würde. Sie würde sich wünschen, dass X-Jam öffentlich zu den Vorfällen stehen würde und eine Aufarbeitung möglich macht.

Es ist oft schwierig die Täter im Nachhinein ausfindig zu machen. Im Grunde hätten Sanitäter*innen oder andere Mitarbeiter*innen sofort vor Ort reagieren müssen und alles daran setzen müssen, die Verantwortlichen auszuforschen. Dass dies nicht passiert ist, zeigt nur welche Hürden man immer noch überwinden muss, wenn man Opfer von sexualisierter Gewalt, drugging oder sogar einer Vergewaltigung wird. Wenn ich solche Berichte höre, frage ich mich, wie oft man noch „da kann man leider nichts mehr machen.“ zu hören bekommen muss, bevor man tatsächlich ernstgenommen wird und eine Null-Toleranz-Politik endlich zum Mainstream wird.

© Lukas Kucera/DocLX Holding Foto: © Lukas Kucera/DocLX Holding
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