20. Januar 2021
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Die Risse in der gläsernen Decke – Kamala Harris

48 weiße, alte Männer. Scrollt man durch die Liste der Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten spiegelt sich der „melting pot of nations“ – wie die USA oft betitelt wird – nicht wider. Mit den heurigen Wahlen hat sich das geändert. Ab dem heutigen Tag ist Kamala Harris die neue Vizepräsidentin. Und damit nicht nur die erste Frau*, sondern auch die erste Woman* of Colour in einem der beiden höchsten Ämter des wohl einflussreichsten Landes der Welt.

Gebannt waren viele Augen auf der ganzen Welt am 3. November auf die USA gerichtet. Die General Elections fanden statt. Ganz so rosig war die Auswahl nicht: Die Kandidaten für das Amt des_der Präsident_in waren einerseits Amtsinhaber Donald Trump, der bekannt ist für seine rechten, hetzerischen Parolen und realitätsfernen Forderungen und andererseits Joe Biden – etwas weniger rechts aber trotzdem fern von der revolutionären linken Kraft die sich viele gewünscht haben. Mit einem Sieg der Demokrat_innen konnte die Gläserne Decke in der US-amerikanischen Politik aufgebrochen werden. Denn Kamala Harris ist auf viele Weisen „the first“ und hoffentlich nicht die letzte. Doch wer genau ist Harris und wie steinig war ihr Weg bis zum zweithöchsten Amt der USA?

Als Scheidungskind und Tochter zweier Migrant_innen hatte Kamala Harris statistisch wohl keine besonders großen Aussichten auf politischen Erfolg. Gemeinsam mit ihrer Schwester und alleinerziehenden Mutter wuchs sie in San Francisco, Kalifornien auf. Politik wurde ihr schon mit in die Wiege gelegt. Ihr Großvater war nämlich Teil der indischen Bundesregierung. In Interviews berichtet sie oft von Erfahrungen mit Rassismus, vor allem in der High School.

Statistiksprengend war Harris Politkarriere schon von Beginn an. In ihrem ersten Amt als Bezirksstaatsanwältin von San Francisco war sie die erste Frau und die erste nichtweiße Person. Selbiges trifft auf ihr Amt als Attorney General von Kalifornien zu. Jahre später wurde sie als erste Schwarze Person zur Senatorin von Kalifornien gewählt. Kamala Harris war also schon immer eine Wegbereiterin für Schwarze Frauen* in der Politik.

Harris ist ein großer Fortschritt für die USA. Auch wenn sie inhaltlich nicht auf einer Ebene mit dem „Squad“ – bestehend aus Alexandria Ocasio Cortez, Ilhan Omar, Ayanna Pressley und Rashida Tlaib – ist. „The Squad“ steht stellvertretend für linke, progressive Politik und sind leider die Ausnahme im House of Representatives. Harris zählt im Gegensatz dazu eher zum moderaten Flügel der demokratischen Partei. Anstatt Maximalforderungen im Sozial- und Gesundheitsbereich zu stellen, setzt sie gemeinsam mit Biden auf Gemeinsamkeiten mit den Republikaner_innen, um das Land wieder zu einen. Auch in ihrer Tätigkeit als General Attorney hat sie sich oft gegen den linken Konsens entschieden.

Hoffnung auf essentielle Schritte in der Gesundheitsversicherung, des Hochschulzuganges und dem Entgegenwirken der rassistischen Polizeigewalt gibt es trotzdem: Das Wahlprogramm von Biden-Harris wurde nämlich in enger Zusammenarbeit mit dem Squad und Bernie Sanders erstellt. Was auf den ersten Blick wie ein PR-Gag wirkt, zog tatsächlich inhaltliche Neuausrichtungen mit sich, etwa in der Klimapolitik oder im Kampf gegen Polizeigewalt.

Um das Ganze abzurunden: Wir sollten froh sein über Vicepräsidentin Kamala Harris. Als Vizepräsidentin übernimmt sie nämlich ein überwiegend repräsentatives Amt und weniger die Rolle der Umsetzung politischer Forderungen. Auch wenn wir uns lieber „the Squad“ in den höchsten Ämtern gewünscht hätten: Frauen* wie Kamala Harris formen den Lauf der Geschichte. Das bewiesen schon Shirley Chisholm, Marsha P. Johnson, Rosa Parks oder viele andere. Und wer weiß, vielleicht sehen wir 2024 ja Alexandria Ocasio Cortez als Kandidatin zur Präsidentin. Passend dazu ein Zitat von Kamala: „You may be the first to do many things but make sure you’re not the last.”

FOKUS Online Foto: FOKUS Online