13. Dezember 2019
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Hell Hath No Fury like a Drag Queen Scorned

Jedes Jahr wird am Christopher Street Day (28. Juni) den sogenannten Stonewall Riots gedacht – den ersten großen Aufständen der LGBTQIAP+ Community 1 gegen die Polizeigewalt und -willkür, welcher queere Menschen ausgesetzt waren. Dabei wird auch heute noch oft auf eine der wichtigsten Aktivistinnen* der Community vergessen. Ihr Name ist...

Sylvia Rivera

Sie war eine lateinamerikanische Aktivistin*, die sich für die Rechte der LGBTQIAP+ Community – vor allem für jene der oft vernachlässigten Transgender 2 -, Genderqueer 3 – und Gender-Non-Conforming 4 -Personen – einsetzte. Von vielen wird sie heute noch gerne als „Rosa Parks der modernen Transgender-Bewegung“ bezeichnet.

Geboren wurde sie 1951 in New York City und verwaiste im Alter von drei Jahren, nachdem ihr Vater die Familie verlies und ihre Mutter in Folge dessen Selbstmord beging. Fortan wuchs sie bei ihrer Großmutter auf, welche das feminine Auftreten ihrer Enkelin* nicht unterstützte. Mit 11 Jahren lief Rivera von zuhause weg, lebte fortan auf der Straße und musste sich ihr Überleben durch Prostitution sichern. Schließlich wurde sie von einer Gruppe Drag Queens 5 in New York City aufgenommen, welche ihr den Namen Sylvia gaben.

Im Verlauf ihres Lebens identifizierte sie sich mit vielen verschiedenen Gender Labels, bezeichnete sich mal als „Gay Man“ oder „Gay Girl“, aber auch als „Transgender“ oder „Drag Queen“. Laut eigenen Aussagen, verkörperte Rivera all diese Identitäten, welche sich nicht zwingend gegenseitig ausschließen.

 

Aktivismus

Auch heutzutage gibt es noch heftige Spekulationen, ob Sylvia Rivera 1969 tatsächlich in der ersten Nacht der Aufstände im Stonewall Inn zugegen war. Einige ihrer engsten Freund*innen, darunter die Aktivistin* Marsha P. Johnson, bestreiten ihre Teilnahme an den Auseinandersetzungen während andere sie als „diejenige, die den zweiten Molotowcocktail 6 warf“ feiern.

Ihr Aktivismus nach den Stonewall Riots ist allerdings unbestreitbar. Inspiriert von den Ereignissen des 28. Juni 1969 gründete sie zusammen mit anderen Aktivist*innen die Gay Liberation Front (GLF) und die Gay Activists Alliance (GAA). Ihr persönliches Ziel war es, nicht nur für die Rechte von homosexuellen Männern und Frauen zu kämpfen, sondern auch sich selbst, sowie Drag Queens, Transgender- und anderen Gender-Non-Conforming-Personen einen Platz in der Bewegung zu bieten.

Durch ihre persönlichen Erfahrungen entwickelte Rivera schnell eine sehr kritische Haltung zu den großen LGBT-Bewegungen ihrer Zeit. Laut Rivera waren diese nichts als „Assimilationist*innen 7 “, die nur darauf bedacht waren, sich so gut als möglich an die Mainstream-Gesellschaft anzupassen und im Zuge dessen neben Transgender-Personen auch auf People of Colour und sozial benachteiligte Menschen vergaßen.

Aufgrund ihrer Ansichten hatte sie damals enorme Schwierigkeiten innerhalb der Community ernstgenommen zu werden.

 

Street „Transvestite 8 “ Action Revolutionaries

Schließlich wurde sie es leid, zugunsten eines besseren öffentlichen Bildes an den Rand der damaligen LGBT-Bewegung gedrängt zu werden und so gründete sie 1970, zusammen mit ihrer Freundin* Marsha P. Johnson, die Organisation „Street Transvestite Action Revolutionaries“ (STAR), welche sich besonders für obdachlose queere Jugendliche einsetzte.

Die Idee, eine eigene Initiative zu gründen, kam Rivera während einem 5-tägigen Sitzstreik vor der „New York University“, welcher von der GFL und anderen LGBT-Aktivist*innengruppen organisiert wurde. Nachdem der Sitzstreik am letzten Tag durch die Polizei gewaltsam aufgelöst wurde und viele der Aktivist*innen im Zuge dessen die Demonstration verließen, veröffentlichte Rivera einen Flyer mit der Aufschrift „Gay Power – When do we want it? Or do we?“ Sie wollte einerseits auf die Mitglieder der Community aufmerksam machen, die nicht gewillt waren wirklich für ihre eigenen Rechte zu kämpfen und gleichzeitig ein Zeichen gegen die Polizeigewalt gegenüber queeren Personen setzen.

Neben der Präsenz auf Demonstrationen war es den Mitgliedern von STAR ein großes Anliegen, obdachlosen queeren Jugendlichen ein Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Rivera und Johnson waren selbst oft obdachlos, schafften sie es jedoch ein Hotelzimmer oder Apartment zu mieten, so boten sie ihren obdachlosen Freund*innen an, bei ihnen zu übernachten. Es kam nicht selten vor, dass bis zu 50 Personen in einem Hotelzimmer schliefen.

Gegen Ende 1970 veranstaltete STAR schließlich, in Kooperation mit der GFL, eine Spendenaktion, von deren Erlös sie sich endlich eine langfristige Wohnung leisten konnten. Das sogenannte „STAR House“ war ein 4-Schlafzimmer-Apartment ohne Strom oder Heizung in einem heruntergekommenen Gebäude der 213 East Second Street in New York, doch für viele war es der einzige Weg von der Straße weg zu kommen. Rivera und Johnson, die ihren Unterhalt ohnehin schon durch Prostitution verdienen mussten, arbeiteten nun noch härter, um all ihre Schützlinge gut versorgen zu können.

Nach der Schließung von STAR House im Juli 1971, legte die Initiative den Fokus auf die Schaffung von Anerkennung von Transgender-Personen innerhalb der Community. Dies tat sie vor allem durch die Unterstützung von „Intro 475“, einem Gesetzesentwurf, der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verhindern sollte. Ursprünglich sollte dieser Entwurf auch Forderungen zum Schutz von Transgender-Personen enthalten, diese wurden jedoch fallen gelassen. STAR und die Queens Liberation Front (QLF) kritisierten daraufhin die GAA und warfen ihnen vor, diese Forderungen absichtlich zu ignorieren, damit der Entwurf auch wirklich angenommen wird.

Laut Rivera “starb” STAR 1973, zum vierten Jahrestag der Stonewall Riots. Grund dafür war angeblich die Tatsache, dass vor allem die lesbischen Aktivistinnen* in den Mitgliedern von STAR eine Bedrohung sahen und sie der Diskriminierung und Verspottung von Frauen* beschuldigten.

2001 wurde STAR für kurze Zeit als „Street Transgender Action Revolutionaries“ wieder ins Leben gerufen.

 

„Y’all better quiet down“

1973 sprach Rivera bei der Christopher Street Liberation Day Rally, ihre Rede wurde sowohl von Applaus als auch von Buhrufen begleitet. Ihr Ziel war es, die Aktivist*innen, die größtenteils aus weißen Männern und Frauen der Mittelschicht bestanden, auf die Diskriminierung in ihrer eigenen Community aufmerksam zu machen.

Sie war es leid, dass die Aktivist*innen der GAA sie gerne an vorderster Front hatten, wenn es bei Demonstrationen besonders gefährlich zuging, sie aber sofort in den Hintergrund gedrängt wurde, wenn Reporter*innen und Fotograf*innen auftauchten. Für sie war es absolut unverständlich, dass die Community, der sie soviel geopfert hatte und die Aktivist*innen, die sie als ihre Freund*innen sah, nun nicht bereit waren den schwächsten Stimmen in ihrer Mitte Gehör zu schenken.

„I will no longer put up with this shit. I have been beaten. I have had my nose broken. I have been thrown in jail. I have lost my job. I have lost my apartment. For gay liberation. And you all treat me this way?”

Verraten von ihrer eigenen Community verließ sie STAR und zog sich für 20 Jahre aus dem Aktivismus zurück. Mitte der 1990er Jahre kehrte sie in die Öffentlichkeit zurück und setzte sich bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 weiter für die Queer-Community ein.

Sie gilt als eine der Schlüsselfiguren im Kampf um die Anerkennung von Transgender-Personen innerhalb der Community und war gleichzeitig eine der ersten Personen, die innerhalb der Community darauf aufmerksam machte, dass Diskriminierungsformen sich überschneiden und deshalb auch bei der Bekämpfung von Diskriminierung intersektional 9 vorgegangen werden muss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

newsandletters.org Foto: newsandletters.org

Infobox

Glossar

1) LGBTQIAP+ Community: alle Personen, die nicht heterosexuell oder cis-gender 10 sind. Die einzelnen Buchstaben stehen für „Lesbian Gay Bisexual Trans Queer Intersex Asexual Pansexual“. Oft wird synonym nur das Wort „Queer“ verwendet.

2) Transgender: Bezeichnung für eine Person, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, welches ihr bei der Geburt zugeteilt wurde.

3) Genderqueer: Sammelbegriff für Personen, deren Geschlechtsidentität von der Norm abweicht. Transgender ist eine Unterkategorie von Genderqueer.

4) Gender-Non-Conforming: Bezeichnung für eine Person, die sich konträr zu ihrem Geschlecht verhält/präsentiert, beispielsweise eine Person, die sich als männlich identifiziert, aber „typisch weibliche“ Kleidung trägt.

5) Drag Queen: Künstlerische oder humorvolle Darstellung von Femininität oder dem „Frau*sein“.

6) Molotow-Cocktail: Sammelbezeichnung für Wurfbrandsätze (Brandflaschen, Benzinbomben), die bei Aufständen oder Straßenschlachten verwendet werden.

7) Assimilation: Das Angleichen einer gesellschaftlichen Gruppe an eine andere, meistens die Norm.

8) Transvestite: Transvestitismus ist ein veralteter Begriff, der heute oft mit Transgenderismus ersetzt wird. Hauptsächlich werden damit Menschen bezeichnet, die sich wie das „andere Geschlecht“ anziehen. Da wir heutzutage aber wissen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt und Kleidung keinem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden kann, wird der Begriff nur mehr sehr selten verwendet.

9) Intersektionalität: Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen in einer Person. Verschiedene Diskriminierungsformen beeinflussen eine Person nicht unabhängig voneinander, sondern verstärken sich gegenseitig.

10) Cis-Gender: Bezeichnung für eine Person, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, welches ihr bei der Geburt zugeteilt wurde.

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