9. August 2017
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Mit Gedenkdienst dem Vergessen widersprechen: „Wir leisten aktive Erinnerungspolitik!“

New York – Tel Aviv – Terezin: Einblicke in die Arbeit drei Jugendlicher im Ausland

Drei junge Österreicher_innen in New York, Theresienstadt und Tel Aviv. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie arbeiten ein ganzes Jahr lang in Holocaust-Gedenkstätten, arbeiten in Archiven und Museen oder betreuen Überlebende der Shoah. Das alles machen sie im Rahmen des Gedenkdiensts. Heute stellen wir euch den letzten Jugendlichen, Markus, vor.

Markus Neurauter

Jedes Land und jede Einsatzstelle des Gedenkdiensts hat unterschiedliche Tätigkeitsbereiche. Was machst du genau? Welchen Herausforderungen musst du dich stellen?

 Markus: Ich arbeite nun schon seit zehn Monaten am Leo Baeck Institute in New York City und führe Oral-History-Interviews mit österreichisch-jüdischen Emigrant_innen durch. Diese werden mit diversen anderen Dokumenten in der Austrian Heritage Collection hier am LBI gesammelt und im Archiv verwahrt. Ich habe mich von Beginn an speziell für diese Arbeit interessiert, da ich die Auseinandersetzung mit Zeitzeug_innen für äußerst spannend und wichtig erachte und es mir ein persönliches Anliegen ist, deren Erfahrungen für kommende Generationen zu dokumentieren.

 

Der Dienst an sich wird nicht entlohnt. Die Förderung soll Versicherungskosten, Mieten, Verpflegung (Essen), öffentliche Verkehrsmittel decken. Jede_r Gedenkdienstleistende eures Jahrgangs bekommt 9.000 Euro für 12 Monate – deine Nachfolger_in ab August 2017 sogar noch weniger. Hand auf’s Herz: Kommst du mit dem Geld um die Runden? Geht es sich aus?

Markus: Das Leben und Arbeiten in New York ist nicht immer leicht. Aus einer kleinen, idyllischen Tiroler Gemeinde in eine Großstadt zu ziehen, ging für mich mit einigen Veränderungen einher. New York ist dreckig, laut, überfüllt mit Menschen und teuer. Die recht mageren Förderungen seitens der Republik Österreich sind dabei nicht besonders hilfreich, da sie kaum die Miete meiner kleinen Wohnung decken. Während man viel Geld für eine recht niedrige Lebensqualität ausgeben muss, muss ich mir noch anhören, dass New York die tollste Stadt der Welt sei. Abgesehen davon ist meine Zeit hier dennoch sehr interessant und bereichernd.

Welche Relevanz haben Vereine/Initiativen, wie der Verein GEDENKDIENST, die sich mit Erinnerungsarbeit und Gedenkpolitik im Kontext mit Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen auseinandersetzen, mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges? Soll ein Schlussstrich gezogen werden?

Markus: Den Verein und seine Tätigkeiten in Form des historisch-politischen Bildungsprogramms in Österreich und der Entsendetätigkeit von jungen Menschen ins Ausland halte ich für äußerst wichtig. Der Welt wird sowohl gezeigt, dass sich junge Österreicher_innen kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit unseres Landes auseinandersetzen, als auch, dass die Debatte über dieses Thema innerhalb Österreich aufrechterhalten wird. Der Nationalsozialismus und die dadurch entstandenen Verbrechen dürfen nie in Vergessenheit geraten und dazu tragen der Verein GEDENKDIENST und die Gedenkdienstleistenden bei.

 

Information:

Felix, Katharina und Markus sind drei von 20 Freiwilligen, die jedes Jahr vom Verein GEDENKDIENST in Länder geschickt werden, in denen Nazis und ihre Mittäter_innen Verbrechen begangen oder in denen Überlebende der Mordmaschinerie bis heute leben. Sie erzählten uns in diesem Interview über ihre Motivation, weshalb sie den Gedenkdienst leisten und berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen an ihrer Einsatzstellen.

 

Jedes Jahr können sich bis Anfang Dezember Freiwillige für die Gedenkdienst-Stellen bewerben. Nach einem Auswahlseminar bei welchem die Stellen besetzt werden, bereiten sich die Gedenkdienstleistenden bei drei zusätzlichen Seminaren auf ihre Arbeit vor. Durch eine Überarbeitung des Freiwilligengesetzes im Jahr 2016 können nun auch Frauen* und nicht wehrpflichtige Männer* mit staatlicher Unterstützung Gedenkdienst leisten. Aber auch die Förderungen von der Republik Österreich sind in den letzten Jahren immer wieder gesunken und durch ein neues  Gesetz gab es eine weitere Kürzung. Auf gedenkdiensterhalten.com eklärt der Verein GEDENKDIENST die Probleme mit der momentanen Fördersituation.

markus Foto: markus

Infobox

Mein Name ist Markus Neurauter, ich bin 20 Jahre alt und leiste derzeit am Leo Baeck Institute (LBI) in New York Gedenkdienst. Zum ersten Mal habe ich vom Verein GEDENKDIENST bei einer Studienfahrt in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehört. Mir war es nicht nur schon immer wichtig, mich mit Geschichte und speziell der Vergangenheit Österreichs auseinanderzusetzen, sondern auch, aus dieser zu lernen und mein Wissen zu verwenden, um über heutige Geschehnisse zu reflektieren. Für mich persönlich stellte der Gedenkdienst eine perfekte Kombination dar, um mich einerseits mit Geschichte zu beschäftigen und andererseits auch neue Erfahrungen im Ausland zu sammeln. So beschloss ich vor circa drei Jahren, meinen Zivildienst als Gedenkdienst zu leisten. Nach diesem Jahr werde ich mein Studium der Biologie und Chemie an der Universität Innsbruck fortsetzen.