8. August 2017
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Mit Gedenkdienst dem Vergessen widersprechen: „Wir leisten aktive Erinnerungspolitik!“

New York – Tel Aviv – Terezin: Einblicke in die Arbeit drei Jugendlicher im Ausland - Teil 2

Drei junge Österreicher_innen in New York, Theresienstadt und Tel Aviv. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie arbeiten ein ganzes Jahr lang in Holocaust-Gedenkstätten, arbeiten in Archiven und Museen oder betreuen Überlebende der Shoah. Das alles machen sie im Rahmen des Gedenkdiensts. Heute stellen wir euch den zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie vor.

Katharina Bogojevski

Wie waren deine ersten Eindrücke, nach der Ankunft in einem neuen/fremden Land?

Katharina: Ich habe bereits vor Beginn meines Gedenkdiensts die Gelegenheit genutzt und meinen Vorgänger in Terezín und Litoměřice besucht. Dabei hab ich auch schon meine Koordinatorin kennenlernen dürfen. Obwohl dieser Besuch mir einen Teil meiner Sorgen genommen hat, war ich im August nicht weniger aufgeregt und sehr gespannt. In der Einarbeitungsphase hab ich dann große Unterstützung erfahren, wie z.B. bei dem Übersetzen unzähliger tschechischer Dokumenten/Verträge, aber auch im privaten Bereich.

Jedes Land und jede Einsatzstelle des Gedenkdiensts hat unterschiedliche Tätigkeitsbereiche. Was machst du genau? Welchen Herausforderungen musst du dich stellen?

Katharina: In meiner Einsatzstelle in Terezín arbeite ich, zusammen mit der ASF (https://www.asf-ev.de/freiwilligendienst/partnerlaender/freiwilligendienst-tschechische-republik/) Freiwilligen Anna Schnepper in der Bildungsabteilung. Gemeinsam bilden wir die deutschsprachige Abteilung und kümmern uns vorwiegend um Schulklassen und Jugendgruppen aus Deutschland und Österreich. Wir organisieren und betreuen Ein- und Mehrtagesgruppen. Ein klassisches Programm besteht aus einer Führung durch das ehemalige Ghetto, einem Workshop, einem Zeitzeuginnengespräch und einem Besuch des jüdischen Viertels in Prag. Herausforderungen für uns sind die individuelle Betreuung von Gruppen und die Gestaltung neuer pädagogischer Programme. Noch eine unserer Aufgaben ist die Auseinandersetzung mit der Frage, wie solche Programme weiterlaufen können, wenn es für Zeitzeuginnen nicht mehr möglich ist, nach Terezín zu kommen, um persönlich von ihrem Erlebten zu erzählen.

Der Dienst an sich wird nicht entlohnt. Die Förderung soll Versicherungskosten, Mieten, Verpflegung (Essen), öffentliche Verkehrsmittel decken. Jede_r Gedenkdienstleistende eures Jahrgangs bekommt 9.000 Euro für 12 Monate – deine Nachfolger_in ab August 2017 sogar noch weniger. Hand auf’s Herz: Kommst du mit dem Geld um die Runden? Geht es sich aus?

Katharina: Mit dem Inkrafttreten des §26 Freiwilligengesetzes am 1. Jänner 2016 war es nun erstmals für Frauen* und untaugliche Männer* möglich, ein Jahr lang Gedenkdienst zu leisten und dafür eine staatliche Unterstützung zu bekommen. Ich würde mir wünschen, dass es jetzt, mit dieser neuen Regelung, in Zukunft auch bessere Unterstützung und Förderungen gibt. Ein Jahr Gedenkdienst sollte immerhin für alle, unabhängig ihrer finanziellen Situation, möglich sein.

Welche Relevanz haben Vereine/Initiativen, wie der Verein GEDENKDIENST, die sich mit Erinnerungsarbeit und Gedenkpolitik im Kontext mit Nationalsozialismus und dessen Auswirkungen auseinandersetzen, mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges? Soll ein Schlussstrich gezogen werden?

Katharina: Auf keinen Fall darf und kann hier ein Schlussstrich gezogen werden. In den letzten Monaten habe ich, vor allem durch meine Arbeit mit Gruppen, gemerkt, wie wichtig es ist, den Nationalsozialismus und die Verbrechen der Nazis nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Es wird weiterhin wichtig sein, ein Bewusstsein und eine Sensibilisierung für diese Thematik zu schaffen. Der Verein GEDENKDIENST ist besonders wichtig, weil das Gedanken und die Aufarbeitung dieses Themas leider nicht immer im Rahmen der Schule und des österreichischen Lehrplans möglich ist.

 

Info:

Felix, Katharina und Markus sind drei von 20 Freiwilligen, die jedes Jahr vom Verein GEDENKDIENST in Länder geschickt werden, in denen Nazis und ihre Mittäter_innen Verbrechen begangen oder in denen Überlebende der Mordmaschinerie bis heute leben. Sie erzählten uns in diesem Interview über ihre Motivation, weshalb sie den Gedenkdienst leisten und berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen an ihrer Einsatzstellen.

Jedes Jahr können sich bis Anfang Dezember Freiwillige für die Gedenkdienst-Stellen bewerben. Nach einem Auswahlseminar bei welchem die Stellen besetzt werden, bereiten sich die Gedenkdienstleistenden bei drei zusätzlichen Seminaren auf ihre Arbeit vor. Durch eine Überarbeitung des Freiwilligengesetzes im Jahr 2016 können nun auch Frauen* und nicht wehrpflichtige Männer* mit staatlicher Unterstützung Gedenkdienst leisten. Aber auch die Förderungen von der Republik Österreich sind in den letzten Jahren immer wieder gesunken und durch ein neues  Gesetz gab es eine weitere Kürzung. Auf gedenkdiensterhalten.com eklärt der Verein GEDENKDIENST die Probleme mit der momentanen Fördersituation.

Syntax Redaktion Foto: Syntax Redaktion

Infobox

“Ahoj, jmenuji se Katharina a jsem dobrovolnicí v Památníku Terezín”, zu Deutsch “Hallo, ich heiße Katharina und ich bin Freiwillige in der Gedenkstätte Terezín” – dies ist neben dem Satz “Pardon, ne rozumím” (“Entschuldigung, ich verstehe nicht”) einer meiner meist genutzten Sätze und oftmals der Beginn eines holprigen Gesprächs mit dem Versuch auf Deutsch, Englisch und Tschechisch zu kommunizieren. Über den Verein GEDENKDIENST arbeite ich gerade ein Jahr lang in der Internationalen Jugendbegegnungstätte Theresienstadt/Terezín in Tschechien. Vom Gedenkdienst habe ich bei einem Seminar der Aktion kritischer Schüler_innen erfahren, woraufhin ich einige Mittwochstreffen besucht habe und so den Verein und seine Tätigkeiten besser kennen lernen konnte. Nach meinem Jahr Gedenkdienst geht es für mich noch einmal in die Schule. Im Hinblick darauf, dass ich während meines Gedenkdiensts eine vermittelnde Rolle gegenüber Schüler_innen eingenommen habe, bin ich schon sehr gespannt, wie sich diese Erfahrungen auf mein letztes Schuljahr auswirken werden.