8. Juni 2017
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Fake News in der Schule?

Wie Medienbildung in Österreich funktionieren müsste.

Medienbildung ist wohl eines der schwierigsten schulischen Anliegen. Das liegt vor allem daran, dass das Subjekt, die Medien nämlich, sich im ständigen, fast schon rasanten Wandel befindet. Hier poppt die Paywall auf, dort wird ein Medienkonzern von einem anderen aufgekauft, an einer Stelle wird über „fake news“ gesprochen, an der anderen wird darüber diskutiert, wie die Inserate-Abteilung den redaktionellen Inhalt beeinflusst. Wir sehen also, das hier behandelte Feld ist erstens breit gefächert, wird zweitens immer wieder neu aufgerollt und bietet drittens viele vermeintliche Einstiegspunkte.

Kompetenzen über Kompetenzen

In den letzten Jahrzehnten Bildungspolitik hat sich vor allem ein Trend durchgesetzt: Kompetenzen entwickeln – diese Fähigkeit soll die kapitalistische Schule ihren Konsument_innen vermitteln. Mit Kompetenzen sind abstrahierende Fertigkeiten gemeint, die Schüler_innen auf Problemstrukturen anwenden, ohne sich auf den Inhalt zu konzentrieren.

Eine kleine Auswahl der Medienkompetenzen, die Maturant_innen nach ihrer Schulzeit können sollten, liest sich so: „Kriterien der Mediengestaltung erkennen, Bedingungen der Medienproduktion analysieren, kritisches und kreatives Denken […] als Grundhaltungen zeigen, Medieninhalte kritisch bewerten“ Das österreichische Schulsystem will also eine_n kritische_n und mündige_n Schüler_in produzieren.

Das Ziel dieses Produktionsprozesses ist also definiert, der Weg dorthin erweist sich jedoch oft als schwierig. Es scheitert vor allem an der bewusst unpolitischen Lehrpraxis des ausführenden Personals. Die Lehrer_innen scheuen oft politisch konfliktreiche Themen oder – und diese Vorgehensweise ist oft noch problematischer – probieren sich in einer übertriebenen „unpolitischen“ Haltung und positionieren sich hierbei als besonders kritisch. Dass ihre Haltung, vermeintlich rechte und linke (oder wie auch immer geartete) mediale Diskurse auf eine gleichberechtigte Ebene zu stellen, legitimiert bereits rassistische oder anders diskriminierende Medienprodukte. So wurde zum Beispiel ein Artikel zu einem Bettelverbot des bekannten rechten Autors und ehemaligen Chefredakteurs der Wiener Zeitung Andreas Unterberger (unter ihm wurde dann zum Beispiel auch ein Holocaust-Leugner verteidigt), als ganz normaler Beitrag in die erste Zentralmatura aufgenommen. Die Maturant_innen mussten zwar zu beiden – es gab damals auch einen Gegenbeitrag einer eher linken Journalistin – Artikeln „kritisch Stellung beziehen“, die beiden Artikel wurden jedoch auf eine Ebene gestellt und die Schüler_innen konnten sich in ihrer Argumentation auf eine Seite schlagen. Denn eine „kritische Stellungnahme“ wird im österreichischen Bildungssystem nicht weiter inhaltlich definiert, sondern nur formal. Das bedeutet, dass rassistischen Argumenten eine gleichberechtigte Plattform geboten wird.

Plädoyer gegen die Unabhängigkeit

Wofür hier plädiert werden soll, ist also nicht der übliche Schein von „Unabhängigkeit“ bei der Medienbildung, vielmehr müssen Problematiken als diese auch benannt werden. Durch explizites Ansprechen von rassistischen, sexistischen, homofeindlichen, transfeindlichen oder antisemitischen Argumentationen, können gerade Schüler_innen aus Gruppen, die von der „Mehrheitsgesellschaft“ normalerweise unterdrückt werden, auch dazu bemächtigt werden, den medialen Diskurs zu hinterfragen und nicht eine – von einem Großteil der Medien gewünschte – Opferrolle einnehmen. Durch diese Technik des Aufzeigens und des anschließenden Hinterfragens kann ein abschließendes Aneignen medialer Strukturen durch unterdrückte Jugendliche stattfinden. Die Ablehnung des mehrheitlich diskriminierenden medialen Diskurses kann eine Art Eigenermächtigung der unterdrückten Jugendlichen sein und führt somit zu einer reflektierten und gleichen Gesellschaft.

Mit einem Beispiel kann dieser Prozess veranschaulicht werden. Wenn nicht-weiße Schüler_innen verstehen, dass es von großen Teilen der Gesellschaft (und somit auch der Medien) eine historische Gegner_innenschaft ihnen gegenüber gibt, kann es nicht überraschen, dass people of colour bei den Oscars nicht sehr erfolgreich sind. Dadurch erkennen diese Schüler_innen, dass es nicht an ihnen oder fehlenden Vorbildern liegt, dass ihre nicht-weißen Mitmenschen „weniger erfolgreich“ bei z.B. Filmawards sind, sondern dass hinter diesem Misserfolg eine rassistische Struktur steckt, die es als Ganzes zu kritisieren und abzuschaffen gilt. Dieses Beispiel veranschaulicht auch, wie wichtig die kritische Diskursanalyse von Popkultur in der Medienbildung ist. Natürlich ergibt es Sinn, dass Gedichtanalysen und Goethe in der Schule gelehrt wird, doch die österreichische Schule muss ihre Konsument_innen auch als Konsument_innen aktueller Medientrends begreifen, gerade um Schüler_innen aus diskriminierten Gruppen das emanzipatorische Potential aktueller kultureller Erzeugnisse (Beyoncé, Kendrick Lamar, Moonlight, um hier nur ein paar Beispiele zu nennen) zu erkennen.

In diesem Schritt der Selbstpositionierung steckt selbstermächtigendes und ganz und gar mündiges und kritisches Potential – eben genau das, was die österreichische Schule ja eigentlich wollte, oder?

fake-1909821 Foto: fake-1909821