1. Februar 2017
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Streik like you never streik before!

Zehntausende Schüler_innen in ganz Österreich gingen am 12.12.2013 auf die Straße und verlangten mehr Mitbestimmung bei der, damals neuen, Zentralmatura. Diese Schüler_innen nahmen unentschuldigte Fehlstunden in Kauf, um für Veränderungen bei der neuen Reifeprüfung zu kämpfen.

Die Vorgeschichte

In der Politik wird immer über uns Schüler_innen geredet, aber nie mit uns. Dies war auch bei der Einführung der neuen Reifeprüfung unter der Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) der Fall. Die Zentralmatura wurde von allen Seiten wegen verschiedenster Punkte kritisiert, aber uns Schüler_innen stieß am meisten der unfaire Beurteilungsschlüssels in Mathematik,  fehlende Definition des Lernstoffs, Verwendung von Wörterbüchern und ungenügende Vorbereitungszeit zwischen der schriftlichen und mündlichen Reifeprüfung auf.

Am Verhandlungstisch saßen dann die neue Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, die das Ministerium nach Schmieds Rücktritt im September 2013 übernommen hatte, das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung (BIFIE) und die Bundesschüler_innenvertretung (BSV). Du kennst letzteres nicht? Hier erfährst du, warum du nicht weißt, dass du eine bundesweite, als auch landesweite Vertretung hast.

Deadline 12.12.2013

Da die Verhandlungen zu nicht großartigen Veränderungen führten, drohte die BSV mit einem Streik am 12. Dezember, um die Verhandlungspartner_innen unter Druck zu setzen, aber in der Realität wollte die BSV selbst keinen Streik. Plötzlich kam es zwischen der BSV, dem BIFIE und der Bildungsministerin doch zu einer Einigung, mit der alle zufrieden waren, außer all jene, die nicht in diesem Gremium saßen. Dieser Kompromiss wurde als großer Sieg gefeiert, doch abgesehen von minimalen Änderungen hatte dieser in Wirklichkeit kaum Auswirkungen auf die Neue Reifeprüfung. Daraufhin rief vor allem die Aktion kritischer Schüler_innen (AKS) zum Streik auf, um für mehr Mitbestimmung zu kämpfen und aufzuzeigen, dass dieser Kompromiss nicht weit genug geht. Die BSV versuchte zwanghaft, diesen Streik zu verhindern, um die Verhandlungen „nicht zu gefährden“ bzw. „zu schwächen“. Trotz vieler Beschwichtigungsversuche und dem zahlreichen Bemühen von Horrorszenarien – „dann werden wir gar nicht mehr ernstgenommen“ – streikten in ganz Österreich zehntausende Schüler_innen (alleine in Linz waren 8.000 Schüler_innen auf der Straße), um ihren Forderungen Druck zu verleihen und für eine faire Zentralmatura zu kämpfen.
Zahlreiche Medien berichteten von diesem Streik und zwangen das Bildungsministerium somit, zu handeln. Ironischerweise stärkte der Streik der Schüler_innen die Verhandlungsposition der BSV, da das BIFIE und das Ministerium nun unter verstärkter Beobachtung der Öffentlichkeit stand und sich keine Fehler erlauben durfte.

Das Nachspiel

Alle, die an diesem Streik teilnahmen und sich für eine faire Zentralmatura einsetzten, haben unentschuldigte Fehlstunden bekommen, da es kein Streikrecht für Schüler_innen gibt. Warum aber dürfen Schüler_innen, die größte Berufsgruppe in Österreich, nicht streiken?  Das Streiken ist ein hart erkämpftes Recht der Arbeiter_innen und ist nicht mehr wegzudenken in unserer Gesellschaft, Schüler_innen aber, die eigentlich die größte Berufsgruppe Österreichs wären, wird dieses Recht einfach abgesprochen. Ein Streikrecht für Schüler_innen hat durchaus viel Positives an sich.

Schüler* und Schülerinnen* setzen sich bewusst mit Politik und dem Schulumfeld auseinander, damit Ungerechtigkeiten nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Gegner_innen des Streikrechts argumentieren, dass, wenn dieses Recht in Kraft treten sollte, Schüler_innen auch wegen vermeintlicher Kleinigkeiten streiken würden. Ich glaube jedoch nicht unbedingt, dass das passieren würde, aber ich könnte es den Schüler_innen nicht verübeln, falls dies doch der Fall sein sollte. Keine Gesamtschule, keine Ganztagsschule, keine Modulare Oberstufe, zu hoher Leistungsdruck, Bildung als Erbe der Eltern, unser Schulsystem strotzt nur so vor Problemfeldern – und das im 21 Jahrhundert.

Oft wird auch argumentiert, dass Bildung „ein Geschenk sei“ und mensch sich nicht darüber aufregen dürfe. Geschenk? Dieser Vergleich vermittelt das Bild, dass mir jemand von oben herab mir erlaubt, dass ich in die Schule gehen darf und diese Personen so großzügig sind, dass ich ihnen auf ewig dankbar sein muss. Das stimmt nicht! Bildung ist kein Geschenk, Bildung ist ein Menschenrecht!

Jede Person hat das Recht, sich von Geburt an fortzubilden und wer, wenn nicht wir, die wir jeden Tag mindestens 40 Stunden in der Woche in der Schule verbringen, sollten entscheiden, in welche Richtung sich das Bildungssystem entwickeln soll. Tja und wenn es sich in die falsche Richtung entwickelt, dann gehen wir eben auf die Barrikaden!

Alleine in Linz gingen über 8.000 Schüler_innen auf die Straße. Foto: aks
Alleine in Linz gingen über 8.000 Schüler_innen auf die Straße.