21. Dezember 2016
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Land der Patriot_innen

Übergriffe von Ausländern, die österreichische Identität geht verloren, Gutmenschen verteidigen Vergewaltiger, die eigenen Leute werden zugunsten von Asylanten ausgebeutet, die Große Koalition verschwört sich gegen das Volk und einzig und allein die Freiheitlichen, mit einem strahlenden Ritter Strache an der Spitze, sind noch in der Lage, das glorreiche Abendland zu retten. Das alles im Namen der Heimat.

Die Errungenschaften der Nationen

Einer Sturmfront gleich verdunkelt sich der politische Horizont Europas und der Wind weht stark nach rechts. Frauen* und Männer* jubeln, weil in Amerika endlich ein „echter Mann“ das Steuer in die Hand nimmt, darunter ist anscheinend ein geifernder, Rassismus speiender und Frauen* verachtender, des plumpen heteronormativen Klischees männlicher Vertreter der U.S. Elite zu verstehen.

In Ungarn werden derweil munter weiter Asylant*innen durch eisige Nächte und über schlammige Pfade gejagt, in der Stadt Asotthalom hat der Bürgermeister, Laszlo Toroczkai, letzte Woche gleich den Islam mit „allem drum und dran“ verboten, nebenbei auch noch alles was nicht heterosexuell ist. Das ist zwar rechtswidrig, aber wen kümmert das schon, immerhin wurde er, der berühmt-berüchtigte Neonazi und Flüchtlingsjäger, demokratisch gewählt.

Die konservative Partei Frankreichs zittert und bibbert, aber nicht aufgrund des sozialistischen Lagers, sondern wegen des stetig wachsenden Einflusses der Front National unter Führung von Straches Kollegin
Marine LePen. Als Lösung präsentieren sie ihr eigenesGegenstück dazu, den lediglich etwas kapitalistischeren François Fillon.

Ultimativer, gemeinsamer Nenner dieser Ereignisse ist vor allem eines: der beständig anschwellende Stolz auf die Nation und das Vaterland.

Die Niederlande verbieten nun, wie schon Belgien und Frankreich, das Tragen von Burkas in allen öffentlichen Gebäuden, Transportmitteln, Schulen und Fahrzeugen, Geert Wilders lässt grüßen.

Die Wogen des Brexits sind noch nicht ganz geglättet, aber das fällt der breiten Bevölkerung inzwischen auch nicht mehr auf, was Nigel Farage, führender Kopf von Ukip und dem Brexit, dazu veranlasst, Pläne für die Staaten zu schmieden, seine Partei hat ihr Ziel erreicht und ist inzwischen sogar ihm zu sehr von rechtsextremen Ideolog*innen durchsetzt.

Und die deutschsprachigen Länder? Die erleben parallel zueinander, wie FPÖ, AfD und SVP immer mehr Stimmen bekommen, Einzug finden in sämtliche politische Institutionen. Erst vor Kurzem musste sich Ing. Norbert Hofer dem parteilosen Ex-Grünen Chef Dr. Alexander Van der Bellen geschlagen geben. Die Medien weltweit feiern diesen Sieg als Befreiungsschlag gegen eine global auftretende rechte Welle. Eine überschwängliche Freude, die bedenklich ist, angesichts der Tatsache, dass es hierbei rein um den Symbolcharakter eines repräsentativen Amts in einem relativ kleinen Land geht.

Da hilft es auch nicht, dass erst kürzlich der Nationalrat Beschlüsse erlassen hat, die Menschen  immer mehr belasten und die gemäßigten Parteien sich hin und her schwingen lassen, wie es der wechselhaften Laune von Medien und Bürger*innen gerade passt, wobei sie aber noch nicht mal das wirklich auf die Reihe bekommen.

Ultimativer, gemeinsamer Nenner dieser Ereignisse ist vor allem eines: der beständig anschwellende Stolz auf die Nation und das Vaterland.

Times are changing

War das denn schon immer so? Dazu gibt es nur ein klassisches Jein. Wenn ich zurückdenke an die 2000er Jahre, dann fällt mir ein, wie mein Dad meine Schwester und mich mitnimmt auf eine Demonstration gegen die Bush-Politik und die Invasion des Afghanistan. Ich habe nicht viel Ahnung von dem wogegen wir demonstrieren, ich bin gerade mal um die 8 Jahre alt, aber voll dabei und finde das ganz unheimlich aufregend und toll. Wie ein Held fühlte ich mich dann, während einige tausend Kilometer weiter Dörfer zerbombt und Menschen ermordet wurden. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht was Globalisierung ist, aber sie hatte mich bereits erreicht.

Und das ist es, was so viele Menschen zu Nationalismus treibt. Wenn kleine Kinder bereits gegen Krieg fremder Nationen demonstrieren, jedoch keine Ahnung haben, was im eigenen Land geschieht, dann fühlen sich viele vor den Kopf gestoßen, fragen sich was das soll, wie das sein kann. Die Globalisierung ist seitdem nicht weniger geworden, sie nimmt stetig zu. Eine von der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie ergab, dass 55% der Österreicher Angst davor haben, bei FPÖ Wähler*innen liegt der Anteil bei 69% . Im Vergleich dazu liegt die Angst vor Abstieg „nur“ bei 37% und die Bewahrung der Werte und Traditionen bei 38%.

Denn du bist Österreicher*in und darum bist auch du stolz auf all das, es gibt dir ein Gefühl davon, mehr zu sein. Und dann wird dieses Gefühl zur Sucht.

Was den Rechtspopulist*innen also Flügel verleiht ist die Angst. Angst vor dem Ungewissen, vor Menschen aus Ländern, die viele nicht mal kennen. Angst davor zu einem Niemand zu werden in der großen, weiten Welt, die so erbarmungslos und kalt erscheint. Darum berufen sich immer mehr Leute auf ihre Werte, Traditionen und nationale Identität, denn dadurch sind sie etwas, sie haben einen Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Und hier greift das rechte Gedankengut ein. Denn die Generationen spielen ebenfalls eine Rolle und unterscheiden sich immens. Bei der BP-Wahl war die größte Wählergruppe des rechtsextremen Kandidaten Hofer, wenn man nach Alter und Geschlecht geht, die der 30 bis 59-jährigen Männer mit 63%, gefolgt von den bis zu 29 Jahre alten Wählern mit 58%.

Aber warum gerade diese, die doch ohnehin mehr haben als alle Generationen vor ihnen? Weil sie in der FPÖ ein Bindeglied sehen, einen Anker in bewegten Zeiten. Vergangenheit kann man nicht ändern, sehr wohl aber die Sicht darauf. Rechtspopulismus baut darauf, dass sie von den Leuten als eigens kreiertes Idealbild wahrgenommen wird, wie zum Beispiel als gemeinsame Sache, um das Bedürfnis nach sozialer Interaktion zu stillen. Schuld ist wieder einmal die große, weite, böse Welt, denn während Millionen und Milliarden einen Facebook- oder Twitter-Account haben und mit Tausenden gleichzeitig verbunden sind, die Leute mit Schreckensnachrichten- und Reizüberflutung konfrontiert werden, finden sie im Nationalismus ein trügerisches Gefühl von echter Verbundenheit, um verbunden zu sein, musst du dich aber von anderen abgrenzen. In dem Fall sind das Ausländer*innen, egal woher und warum sie kommen.

Vergangenheit kann man nicht ändern, sehr wohl aber die Sicht darauf.

Der Heimatstolz wiederum hat seine Wurzeln in der Sehnsucht nach Bedeutung. Denn bei beinahe 7,5 Milliarden Menschen auf der Welt kommt sich so mancher und manche etwas einsam und ungehört vor. Also wandern all diese ungehörten Stimmen in die rechten Lager, denn dort werden sie freudig empfangen mit Volksfesten und Gebrülle. Diese Superwesen, die so anders sind als die monotonen, sich gegenseitig zerfleischenden Parteien, die schon seit der Geburt von Omi und Opi an der Macht sind. Diese lauten, starken, immer stärker und stärker werdenden Kämpfer der Scheinfreiheit, können gar nicht anders als wie ein pulsierender Magnet auf große Teile der Bevölkerung zu wirken. Ein Magnet, der durch seine steigende Masse immer mehr Anziehungskraft entwickelt, bis er irgendwann eine kritische Größe erreicht. Sie sind stolz, stolz auf das gemeinsame Land, stolz auf sich selbst und vor allem auf dich. Denn du bist Österreicher*in und darum bist auch du stolz auf all das, es gibt dir ein Gefühl davon, mehr zu sein. Und dann wird dieses Gefühl zur Sucht.

In der Zwischenzeit im Mittelmeer

Während in den Staaten Europas vornehmlich ein politischer Konflikt ausgetragen wird, der sich, zumindest zum Großteil, darauf beschränkt, verbal und durch Kampagnen zu wirken, finden im Nahen Osten Konflikte von ganz anderem Kaliber statt. Dort werden ganze Ortschaften entführt, Menschen zwangsrekrutiert, Kinder in die Sklaverei oder Ehe gezwungen, Familien zerstört und vieles mehr. Für große Teile der Bevölkerung sind das lediglich Kriege zwischen mehreren Fraktionen, mit denen sie gar nichts zu schaffen haben. Wer nicht vor dem Krieg flüchtet, der*die flüchtet vor Verfolgung oder tiefster Armut. Kein Wunder also, dass so viele dort weg wollen, wer würde das nicht?

Zwar sitzen nun deswegen zwar etwa an die 80.000 Flüchtlinge in Griechenland fest, aber wie es so schön heißt: Aus den Augen aus dem Sinn.

Die Schließung der Balkanroute unterdessen hat für viel Lob und Zuspruch an Österreich und Außenminister Kurz gesorgt. Zwar sitzen nun deswegen zwar etwa an die 80.000 Flüchtlinge in Griechenland fest, aber wie es so schön heißt: Aus den Augen aus dem Sinn. Immerhin ist die Folge ein Prestige-Gewinn für die Alpenrepublik und den Kurs der Hardliner., Berlin dankte unserem Außenministerium erst kürzlich für die ergriffene Initiative, da nun kaum noch Migrant*innen über die Balkanroute kommen.

Die versuchen es unterdessen mangels Alternativen über das Mittelmeer. Logischerweise sind die Folgen dadurch eine Überlastung Italiens durch den stark gewachsenen Zustrom an Flüchtlingen und vor allem die für 2016, gegenüber dem Vorjahr, um ein Viertel gestiegene Anzahl an Toten im Mittelmeer. 4800 verloren bereits ihr Leben auf offener See, zusammen mit ihren Hoffnungen und denen ihrer Verwandten, Freund*innen und Partner*innen, die oft über das Schicksal ihrer Nächsten im Unklaren bleiben. 4800, so die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer lässt sich nur erahnen.

Medien-Hype der Social Media

Wer nicht zu guter Letzt von alledem profitiert sind die Zeitungen und Medienhäuser. Die ÖSTERREICH hat ihre Auflage 2016 um beinahe 3% erhöht und auch die Kronen Zeitung kann trotz sinkender Verkaufszahlen nicht jammern, sie bleibt weiterhin Nr. 1, die Verluste sind relativ gering und stabil, immerhin haben andere Blätter deutlich mehr eingebüßt. Das WirtschaftsBlatt musste im September sogar schließen. Grund für den Erfolg der Boulevard-Zeitungen dürften nicht zuletzt die reißerischen Storys sein, die auch gerne mal von Strache und Konsort*innen geteilt werden und damit deren Reichweite stark erhöhen.

Eine Studie des ORF unter 19.000 Befragten zeigte auf, dass 85% den klassischen Medien inzwischen Misstrauen.

Diese bauen ihre Propaganda vor allem auf Social Media, schmilzt doch jedes Herz, wenn man Heinz-Christian mit seinem Hund kuscheln sieht und sie wirken dadurch vor allem auch auf die jüngeren Wähler*innen volksnäher und sympathischer. Eine halbe Million Follower und die effektive Reichweite von 3,7 Millionen geben der Methode recht. Auch ein Fettnäpfchen ab und an, wie z.B. das Teilen eines eigentlich ironisch gemeinten Beitrags der Satirezeitschrift Die Tagespresse kann dem Ganzen keinen Abbruch tun.

Nützlich bei alledem sind natürlich auch die maßgeschneiderten Artikel von Nachrichtenportalen und -blättern wie unzensuriert.at oder die oberösterreichische Wochenblick. Beide bekunden ihre Neutralität und behaupten Radikalismus, Extremismus und Hetzerei abgeneigt zu sein, starke Worte bei Titeln wie: „Exodus der Christen – Flüchten oder Sterben“ , „Linke Demo in Wie – Verbindung zu Gewalt-Netzwerk?“ oder „Asylheime – Muslime machen Jagd auf Christen“. Das tut deren Beliebtheit jedoch keinen Abbruch, bieten sie doch eine Alternative zu den herkömmlichen Medien. Eine Studie des ORF unter 19.000 Befragten zeigte auf, dass 85% diesen inzwischen Misstrauen.

Die meisten Einträge, die auf der Hofer-Seite entfernt wurden, hier 54,6%, hatten als Grund: ‚Kritik am Kandidaten’.

Besonders die Neutralität dieser Medien wurde bereits des Öfteren in Frage gestellt. Immerhin wurde beispielsweise die Seite unzensuriert.at vom damaligen dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, FPÖ, und Geschäftsführer ist Walter Asperl, Referent der FPÖ, gegründet, zudem arbeiten mehrere Parteimitglieder dort und Sitz der Redaktion ist das Haus der deutschnationalen Burschenschaft Gothia und der Burschenschaftlerball-Organisatoren des Korporationsrings. Ähnlich verhält es sich auch mit der Wochenblick.

Auffallend ist auch die Verrohung im Umgangston, speziell auf Facebook, aber sogar schon von Redakteur*innen. In einer vor Kurzem ausgeführten Auswertung der Daten von Van der Bellen und Norbert Hofers Seiten ergab, dass auf der Seite von VdB 1.600 von 10.000 Kommentaren gelöscht wurden, bei Hofer waren es 1.800 von 14.700. Im ersteren Fall waren die meisten, 30.1%, aber aufgrund von persönlichen Beleidigungen gelöscht worden, im Falle von Hofer lagen die Zahlen bei 9,5%. Die meisten Einträge die auf der Hofer-Seite entfernt wurden, hier 54,6%, hatten als Grund Kritik am BP-Kandidaten, umgekehrt waren dies bei VdB 21%.

Stolz wie eh und je

Das alles tut dem Patriotismusgefühl der Österreicher*innen keinen Schaden. 2006 lagen wir beim Ranking der Länder mit den stolzesten Bürger*innen auf Platz 4 weltweit, gleich nach den USA, Venezuela und Australien. In einer Analyse der „Wiener Zeitung“ wurde ermittelt, die meisten empfinden vor allem Stolz auf Dinge wie schöne Landschaften, ländliche Vielfalt und Qualität der Natur. Also alles was die Österreicher*innen nicht selbst gemacht haben.

Österreich war einmal mehr als nur ein Schnitzel südlich der BRD.

Auf ein Österreich als ein geographisch beschränktes Gebiet Stolz zu sein ergibt jedoch wenig Sinn. Immerhin verschieben sich Grenzen im Laufe der Zeit ständig, Österreich war einmal mehr als nur ein Schnitzel südlich der BRD. Es erstreckte sich dank den Habsburgern über weite Teile Europas, das Herrschergeschlecht stellte auch das Königshaus von Spanien und kurz sogar den Kaiser von Mexiko, auch wenn das eher eine absurde Episode der Geschichte darstellt.

Ebenso wenig sollte sich jemand auf den Familiennamen berufen, immerhin kann ein Stammbaum seit noch so langer Zeit seine Wurzeln in Österreich haben, früher oder später ist jede Familie von irgendwo eingewandert, die Menschen sind damals nicht aus dem Boden gewachsen.

Und auch wenn es große Teile der Österreicher*innen ablehnen, die Willkommenskultur ist auch schon lange ein Teil dieser beschaulichen Alpenrepublik, sie hat uns schlussendlich zu dem gemacht, was wir heute sind.

 

Droht ein Revival des Eisernen Vorhangs? Foto: stacheldraht
Droht ein Revival des Eisernen Vorhangs?