23. November 2016
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Der Alien im Bio-Unterricht

Üblicherweise ist es der erste Ausruf, den wir nach der Geburt hören: "Gratulation, es ist ein ____!" Aber was, wenn sich das Baby keinem der zwei strikten Geschlechter zuordnen lässt?

Intergeschlechtliche Menschen erwarten sowohl in ihrem Alltag wie auch in ihrem Umgang mit sich selbst zahlreiche Herausforderungen. Welche diese sind, wie du intergeschlechtliche Personen unterstützen kannst und was für sie wichtig ist, erfährst Du in diesem Artikel.

 

Nicht „etwas dazwischen“

Die meisten gehen von zwei schönen, ganz bestimmten Schachteln aus. Männlich und weiblich, so wird doch unsere Gesellschaft geteilt, so steht es in unseren Ausweisen. Aber der menschliche Körper geht weit über jene zwei sozialen Aufkleber hinaus. Jeder Körper ist einzigartig und auch die der intergeschlechtlichen Menschen sind facettenreich. Sie können sich in den Genen, Chromosomen, in der Körperbehaarung oder den Fortpflanzungsorganen voneinander und von den XX und XY Mustern unterscheiden. Dabei sehen sich die meisten intergeschlechtlichen Menschen nicht – wie der Name andeuten könnte – als zwischen den beiden „üblichen“ Geschlechtern stehend, sondern als ein Teil eines breiten Spektrums.

 

Unter Ärzt_innen ist jedoch der Drang nach dem „Aufrechtmachen“ von „eindeutigen Geschlechtscharakteristika“ der Kinder deutlich spürbar. Für sie ist es unmöglich, dass ein sonst weibliches Kind etwa Hoden hat. Oder ein Junge eine Gebärmutter. Oft werden ihre Eltern mit Warnungen vor möglichen gesundheitlichen Komplikationen und sozialen Schwierigkeiten dazu bewogen, ihren Kindern gänzlich gesunde Organe wegnehmen oder zu einem „normalen“ Zustand umoperieren zu lassen. Das Kind wird dann entsprechend dem zugewiesenen Geschlecht erzogen. Dies stimmt aber oft nicht mit der späteren Identität des Kindes überein und führt zusammen mit dem Bewusstsein des ungewollten Eingriffs am eigenen Körper zum Gefühl der Entfremdung, des Misstrauens und der Isolation.

 

Der Alien im Bio-Unterricht

Bei Majas (Anm.: Name verändert) Geburt schien alles in Ordnung zu sein, sie wurde als ein gesundes Mädchen* nach Hause geschickt. Erst in der Pubertät bemerkte sie, dass sie keine Regel bekommt und dass sich ihr Körper auch sonst von denen ihrer Mitschülerinnen* unterscheidet. Bei einer Untersuchung stellte sich heraus: Ihre Geschlechtsorgane sind männlich, ihre Hoden sind jedoch während der Schwangerschaft auf Grund eines Zustands, der komplette Androgenresistenz benannt wird, in den Bauchraum gewandert. Alle von ihrem Körper produzierten Androgene (z.B. Testosteron) werden in Östrogen umwandelt, was für ein weibliches* Erscheinungsbild sorgt.

 

„Plötzlich stellte ich meine ganze Identität in Frage“, erinnert sich jetzt Maja. „War ich jetzt ein Mann? War ich ein Freak? War das der Grund, warum ich gerne Fußball spielte und meine Freund_innen eher Buben waren? Wer wird denn mit mir eine Beziehung haben wollen?“

 

Verschämt über ihren eigenen Körper erzählte sie niemandem in ihrer Umgebung von ihren Gefühlen. Genauso wie viele anderen inter Jugendliche kannte sie niemandem in ihrer Umgebung in derselben Situation und verfiel in Depressionen.

 

Einige der schlimmsten Stunden in der Schule waren die Biologie-Stunden, die sich mit der Sexualität des Menschen beschäftigten. In den zweidimensionalen Bildern einer „normalen“ Frau* und eines „normalen“ Mannes* konnte sie sich nicht wiederfinden. Auf den acht Seiten, die sich im Detail mit dem Funktionieren jedes einzelnen Geschlechtsorgans befassten, war den Autor_innen auch nur die Erwähnung von Jugendlichen wie Maja zu viel.

 

„Ich sah mich um und fühlte mich so alleine. Wie ein Alien, den niemand sehen kann.“

 

Jetzt weiß sie aber, dass nicht ihr Körper ein Fehler war.

 

„Es gibt nichts Falsches an meinem Körper. An intergeschlechtlichen Kindern und Menschen gibt es nichts zu reparieren. Aber es gibt viele Probleme mit dem binären Verständnis unseres Geschlechts und unserer Identität, die gelöst werden müssen. Ganz stark fühlen das junge Menschen. Denn es gibt nur wenige Orte, wo die geschlechtliche Binarität und Heteronormativität so ausgelebt werden, wie dort.“

 

Bildung und Akzeptanz

Daher ist es für Maja ein großes Anliegen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie engagiert sich in Gruppen in ganz Slowenien, um jungen Menschen wie ihr Verbindungen und Freund_innenschaften zu ermöglichen. Zusammen setzen sie sich dafür ein, dass intergeschlechtliche Personen die Geschichten ihrer Körper selber erzählen können, sie sich zu ihnen und ihrer Identität bekennen und sich nicht mehr schämen oder einsam fühlen müssen.

 

Es ist ganz wichtig, inter Personen in unserer Umgebung zuzuhören, darüber nachzudenken, in welchen Bereichen ihres Lebens alltägliche Dinge ganz schön schwierig werden können. Beim Ausfüllen eines Meldezettels und fast aller anderen offiziellen Dokumente gibt es keine Option außer männlich und weiblich. In vielen Ländern dürfen nur als weiblich eingestuften Menschen eine_n Gynäkolog_in besuchen, was es manchen Personen unmöglich macht, ihre Eierstöcke oder andere Körperteile untersuchen zu lassen und sie somit in Gefahr bringt. Wenn sich ein Körper bei einer Flughafenkontrolle von den zwei Modellen des Scanners unterscheidet, löst das einen Alarm aus. In diesem Bereich treffen sich oft die Themen inter und trans. Egal, ob sich mensch durch seinen Körper oder durch seine Identität von der binären Vorstellung unterscheidet, er_sie wird in ihrem Griff leiden.

 

Auch wir als Schüler_innen können uns für ein gutes Schulleben unserer intergeschlechtlichen Mitschüler_innen engagieren, indem wir einen modernen Sexualunterricht fordern, der für alle Platz macht und jungen Menschen die Vielfältigkeit unserer (A-)Sexualitäten, Körper und Identitäten näherbringt. Lehrpersonen und Schulpsycholog_innen sollten junge intergeschlechtliche Personen in ihrer Entwicklung unterstützen können, denn von den wenigen Organisationen für intergeschlechtliche Menschen in Österreich beschäftigt sich keine mit Jugendlichen.

 

Links:

http://vimoe.at/ – Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich

goo.gl/n33l6T – Plattform Intersex Österreich

goo.gl/3dKsJX – What is it like to be intersex? (YouTube)

http://bit.ly/2ggo3e8 Foto: http://bit.ly/2ggo3e8