11. Oktober 2016
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Wenn der Frust mal wieder raus muss

Was passiert, wenn Schüler_innen ihren Aggressionen freien lauf lassen und dabei „Sachbeschädigung“ begehen.

Er sitzt auf dem grünen Plastikstuhl im Sekretariat, auf die Direktorin wartend, und reibt nervös die Hände aneinander. In der Mitte des Fensters seiner Klasse im ersten Stock klafft ein großes Loch, die Scherben stehen zackig von den Rändern ab. Er weiß, er wird nach dem Ablauf des Vorfalls gefragt werden, es ist nicht das erste Mal, dass er auf die Direktorin wartet und auch nicht das erste Mal, dass er für einen Schaden aufkommen muss. Er hebt den Kopf – die Tür geht auf, die Direktorin lächelt ihn angestrengt zur Begrüßung an und winkt ihn zu sich hinein.
Ben ist nur eine Musterperson, Ben hat bereits länger Probleme durch aggressives Verhalten und Ben erfüllt vermutlich das Klischee für viele, wenn der Begriff „Sachbeschädigung im schulischen Umfeld“ fällt.

Was fällt alles in den Bereich Sachbeschädigung? Was steht im Gesetzbuch dazu?

Wer eine fremde Sache zerstört, beschädigt, verunstaltet oder unbrauchbar macht, ist mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen zu bestrafen.

Sachbeschädigung ist besonders bei Jugendlichen oft weit verbreitet.
Obwohl viele meinen möchten, die Anzahl an Straftaten in den letzten Jahren sei erheblich angestiegen, ist dem nicht so. Sie ist – im Gegenteil – sogar gesunken. Statistiken zeigen einen deutlichen Rückgang von Jugendkriminalität, im Gegenzug aber auch einen Anstieg von Strafanzeigen gegenüber minderjährigen Straftäter_innen.
Expert_innen meinen, der Umgang der Gesellschaft mit diesem Problem sei in den letzten Jahren wesentlich sensibler geworden, in den Medien werde deutlich häufiger von eben solchen Vorfällen berichtet und dadurch die Präsenz von Jugendkriminalität in den Vordergrund gerückt.

Warum steht besonders in Schulen Sachbeschädigung an der Tagesordnung?

Nach der Befragung einiger Jugendlicher verschiedener Schulen, lässt sich feststellen, dass die meisten einer Antwort entweder ausweichen, oder meinen, sie hätten die Tat aus Langeweile begangen. Sachbeschädigung ist aber keineswegs immer nur ein Weg, Aufregung in den eintönigen Schulalltag zu bringen, Sachbeschädigung dient einigen Schüler_innen als Ventil, Druck abzulassen oder sich selbst eine Stimme zu verschaffen. Werden Personen zu Hause nicht ernst genommen, fühlen sich vernachlässigt oder wollen dem Druck durch Lehrpersonen entweichen, passieren oft solche und ähnliche Vorfälle, um Veränderung in das gewohnte Umfeld zu bringen und/oder sich vor Verantwortungspersonen Gehör zu verschaffen.

Unter Sachbeschädigung sind nicht nur, wie viele denken mögen, Graffiti oder eingetretene Türen zu verstehen und es ist keineswegs nur das Klischee aggressiver Männer*, die mit Spraydosen nachts in Gebäude einbrechen, das betroffen ist. Auch kleine Dinge, wie Zeichnungen auf fremdem Eigentum fallen in einen solchen Bereich.
Wer jetzt also gedacht haben wird, das Thema betrifft ihn_sie bestimmt nicht, könnte hier noch einmal in sich gehen. Warum bemalen wir Schultische, warum kleben wir Sticker auf die Klassentüren? Treten wir gegen einen Spind wenn wir wütend sind? Gehen wir mit den Möbeln und Dingen zu Hause genauso um? Und wenn nicht, aus welchem Grund nicht?

Freud und Frust

Laut Sigmund Freud wird jeder Mensch von einem Lebenstrieb (Eros) und einem Todestrieb (Thanatos) gesteuert. Der Todestrieb veranlasst uns dazu, Aggression und Hass zu entwickeln und Freude daran zu finden, in Situationen der Rage, Dinge zu zerstören. Lässt sich hier eine Verbindung erkennen?

Eine andere Erklärung wäre hier wieder der Frust, den Schüler_innen während ihrer Zeit in der Schule aufbauen. Ignorante Lehrpersonen, langweilieer Unterricht, verstärktes Leistungs- und Konkurrenzdenken, repressevie Atmosphäre – all das sind Gründe, warum Schüler_innen ihrem Ärger, ihrer Frustation manchmal durch kleinere (auf den Tisch schreiben) und manchmal durch schlimmere Vergehen Luft schaffen und dadruch auch auf Probleme aufmerksam machne wollen.

Bestrafende Maßnahmen können nur in wenigen Fällen verhindern, dass die Tat sich wiederholt. Denn oft werden zwar disziplinarische Konsequenzen (wenn auch oft auf strafrechtliche Verfolgungen noch verzichtet wird) gezogen, aber nur in seltenen Fällen gibt es ein Gespräch mit (Schul-)Psycholog_innen.

Dadurch werden Jugendliche und Schüler_innen weiter in ein schlechtes Eck gerückt und werden erst recht wieder anfällig für Straftaten.

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