18. August 2016
Geschrieben von

Barrieren, nicht nur in den Köpfen, abbauen!

Inklusion – was bedeutet das genau?
Ein Artikel über Unfälle, Probleme, das normale Teenager-Leben und Rollstuhl-Aktivismus.

Jeden Schultag rennen, gehen oder schlängeln sich viele Schüler*innen ohne nachzudenken durch die Schultüren. Einige ohne zu wissen, dass sich hinter diesen Türen unsichtbare und sichtbare Barrieren verbergen: Sei es beispielsweise, weil die Schultreppen aufgrund einer BeHinderung nicht überwindbar sind, die zusätzlichen Schulkosten nicht leistbar sind, oder die Unterrichtssprache zu schwierig zum Verstehen ist. Es gibt aber schon lange ein Konzept, wie die Gesellschaft diese Barriere überwinden kann: Inklusion wird der Begriff genannt, bei dem niemand unsichtbare und sichtbare Barrieren erleben muss und jede*r in seiner*ihrer Individualität ein akzeptierter und wertgeschätzter Teil der Gesellschaft ist, unabhängig von BeHinderung, Herkunft, Hautfarbe, religiöser Überzeugung und sexueller Orientierung.

Carlotta ist 16 Jahre alt, trifft sich gern mit Freund*innen, schwimmt gerne und spielt Tennis und Klavier. Shoppen geht sie* auch gerne, dabei ärgert sie* sich, dass sie viele Geschäfte aufgrund von Barrieren nicht erreichen kann, denn Carlotta ist Paraplegikerin* bzw. querschnittsgelähmt und bewältigt ihren* Alltag mit einem Aktivrollstuhl. Im Gegensatz zu Tetraplegiker*innen sind ihre* Armfunktionen nicht eingeschränkt, sodass sie* nicht auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen ist. Angewiesen ist sie* allerdings auf den Liftschlüssel, den ihre* Schule bereitstellt, die ihr* mittlerweile auch sehr gut entgegenkommt. So ‚‚ideal” sind die Bedingungen nicht überall in Österreich: In Vorarlberg könnte Carlotta beispielsweise nur drei von 38 Schulen völlig barrierefrei besuchen, eine davon ist ein Sportgymnasium. Die österreichische Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2019 alle Schulen Österreichs barrierefrei zugänglich zu machen, bis 2015 waren das nach Auskunft des Bildungsministeriums 412 Schulen.

Auf dem Weg zur Schule stellen sich Carlotta jedoch einige Probleme, beginnend bei den Eingangsstufen ihres* Wohnhauses bis zum Einsteigen in die Straßenbahn der Wiener Linien. Zwar gibt es Niederflurfahrzeuge, doch wesentlich häufiger kommen auf ihrer* Linie die alten rot-weißen Bims. Dies führt zu Verzögerungen, die bis zu einer halben Stunde dauern können und die vor allem bei Schlechtwetter ärgerlich für sie* sind. (Liebe Wiener Linien: Falls ihr das lest, bitte schickt mehr Niederflurfahrzeuge!)

‚‚Ich wünsche mir gelegentlich, dass manche Menschen mich nicht nur anstarrten, sondern ganz normal betrachten würden. Oder anlächeln, über ein ehrliches Lächeln würde ich mich sehr freuen. ’’, sagt Carlotta mit einem nachdenklichen Lächeln.

Let’s start Inclusioninfusion (in school)!

Um mehr Bewusstsein für Beeinträchtigungen in der Bevölkerung zu schaffen, wäre gerade die Schule ein idealer Ort für einen Perspektivenwechsel. Auf diese Weise könnten Schüler*innen in Workshops verschiedene Beeinträchtigungen kennenlernen, indem sie diese zum Beispiel im Selbstversuch als Rollstuhlfahrer*innen selbst erleben. Nicht nur Architekt*innen und Städteplaner*innen könnten aus dieser Erfahrung wertvolle Erkenntnisse ziehen, sondern jede*r einzelne sollte sich bewusst werden, dass noch viel zu viele Barrieren in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Denn Carlotta wusste bis zu ihrem Autounfall auch nicht, dass sie* ihr restliches Leben auf den Rollstuhl angewiesen sein würde. So geht es den meisten Menschen, eine Beeinträchtigung entsteht meist durch einen Unfall, durch Krankheit oder im Alter. Laut einer Studie sind nur rund 4% aller Beeinträchtigungen angeboren. Wichtig ist es für sie* jedoch, dies nicht nur als einen schweren Schicksalsschlag zu betrachten, so wie es in den Medien häufig dargestellt wird, sondern als eine andere Lebensweise, die aber nicht unbedingt die Lebensfreude einschränken muss. Im Grunde lebt auch sie* ihr Leben genauso wie jede*r andere*r Teenager*in. Nur, dass sie* sich beim Ausgehen eben leider nicht nur um ihr Alter, sondern auch um die Stufen vor dem Club Sorgen machen muss.

„Man muss nicht im Mittelpunkt stehen. Man kann auch sitzen“

Eine ähnliche Meinung hat Tanja Kollodzieyski, die im Netz unter das Rollifräulein bekannt ist. Sie ist Inklusionsaktivistin und eine bloggende und twitternde Rollabella. Mit Aktionen wie ‚‚Hug a Rollifräulein’’und Artikel wie ‚‚Zwischen Hundewaagen, #stopbodyshaming und Galileo’’ oder, ‚‚3 Gründe warum Inklusion sich für Menschen ohne Handicap lohnt’’ auf ihrem* Blog, versucht sie*  Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Ich habe sie* um ein Statement zu den Themen Barrieren in der Schule, Aktionismus und Inklusion gebeten:

„Inklusion kann nur dann langfristig funktionieren, wenn sie normal wird und keine Ausnahme mehr bildet. Um dies zu erreichen, müssen Menschen mit und ohne Behinderungen noch jede Menge Berührungsängste abbauen. Bei diesem Prozess spielt die Schule eine große Rolle, denn je früher sich Menschen mit und ohne Behinderung begegnen, desto weniger Berührungsängste können erst entstehen. Die Schulen können nicht nur über Behinderungen informieren, sondern im besten Fall selbst zeigen, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gut zusammenleben können, wenn sie offen mit Problemen, Unterschieden und Gemeinsamkeiten umgehen.“

Fazit

Es wäre es schön, in einer Welt voller Perfektionismus und Leistungsdruck unserer Nachwelt ehrlich erzählen zu können, dass niemand perfekt ist und sein muss.

Und auch wenn Inklusion weit mehr ist, als Stufen und Treppen bestmöglich zu vermeiden, wird ein*e jede*r früher oder später auch dafür dankbar sein. Zum Beispiel, wenn das Alter immobiler macht, man mit dem Kinderwagen, Krücken oder schwerem Gepäck unterwegs ist.

Inklusion aber fängt schon mit unserer Ausdrucksweise an, deshalb überleg bitte das ab jetzt zweimal, ob du ‚‚behindert’’ als Schimpfwort verwendest!

Für eine inklusive und barrierefreie Gesellschaft!


Zum Weiterlesen:

Wer mehr über das Rollifräulein herausfinden möchte, kann sich gerne auf ihrem* Blog austoben.

Ein weiterer interessanter Blog zum Thema Inklusion.

 

Barrieren und BeHinderungen sind nicht immer sichtbar. Foto: Alex Seybal
Barrieren und BeHinderungen sind nicht immer sichtbar.